                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                    Ŀ                  Ŀ                    
                     Erben der Klasse ĳ                    
                                        
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
Liebe Freunde,                                                  
                                                                
Ich will  gar  nicht versuchen  euch  die  widrigen Umstnde  zu
erklren, oder euch  gar dazu bringen  sie zu glauben,  die mich
mein Informatik-Studium aufgeben  liesen und  mich einen  weiten
Bogen um jeden Computer  machen lassen, der Zugang  zu den Files
der Universitt hat, und das sind heute  alle Computer, die ber
das Internet aus  der ganzen  Welt mit  jenem Rechner  verbunden
sind, und es  graust mich  bei dem  Gedanken um  diesen globalen
Zugang.  Gewi,  meine   Files  sind   recht  sicher  in   einem
unsichtbaren,  passwortgeschtzten  Verzeichnis  begraben,   und
meine  ungewhnliche,  doch   jetzt  fr  immer   brachliegende,
Begabung  ist  mir  eine  zustzliche  Versicherung,   denn  sie
erlaubte es  mir auch  wirklich  alle Zugriffsmglichkeiten  von
Hand auszuschalten. Aber die unheimliche Konstellation  von Bits
ist doch nicht gelscht, und wenn  irgendwann etwas schiefluft,
ein tragbarer  Gopher seine  digitale  Schnauze zu  tief in  den
Speicher steckt,  oder  beim  Verlegen  neuer Kabel  alte  Daten
global (und  fatal)  ausgelagert  werden,  so frchte  ich  doch
immer noch, da  dieses virusartige, schleimige  und verfaulende
Programm   aus    seinem   Versteck    ausbricht   und    seinen
blasphemischen Inhalt ins Internet  ergiet. Und fr den  Tag an
dem das geschieht,  sehe ich  schwarz, und  ich werde  versuchen
mich im abgelegensten  Kloster der Erde  zu verstecken,  den ich
werde als Bote des Bsen erscheinen, wenn  die entgeisterten und
verzerrten  Gesichter  der  Menschen  vor  befleckten  Monitoren
MEINEN  Namen   und   das  Datum   meiner   Todsnde  in   einem
lsterlichen Copyright-Vermerk  lesen,  der hmisch  durch  ihre
abertausend   Fenster    kriecht   und    das   Chaos    bringt.
                                                                
Nein, alles was ich in diesem Brief erbitten  will, ist, da ihr
jegliche Erinnerung an  mich auslscht,  und meinen  Angehrigen
die Suche nach  mir ERSCHWEREN  sollt, so gut  ich das  von euch
verlangen kann. Sagt ihnen da ich sie liebe  und ehre, doch da
es ihr eigenes Heil ist,  wenn sie mich als, wenn  nicht tot, so
doch  als  vermisst  betrachten,  und  die   Hoffnung  an  meine
Rckkehr aufgeben.  Ich  erbitte  von  euch, da  ihr  niemandem
dieses Dokument  zeigt,  und  die  darin aufgefhrten  Orte  und
Personen nicht nher beschreibt  oder nach ihnen sucht,  als ich
sie skizziert habe.  Und vor  allem bitte  ich euch,  die Finger
von meinen Files zu lassen, und nicht  einmal zu versuchen meine
Paworte zu knacken (Besonders verlange ich  dies von diejenigen
unter euch, von denen  ich wei, da  dies fr sie  sehr wohl im
Bereich   der   Mglichkeiten   liegt).   Teilet   dem   lokalen
Netzkoordinator mit,  er solle  die Haltezeit  meiner Files  auf
unbegrenzt setzen,  den ein  Lschversuch  knnte fatale  Folgen
haben und soll kein zweites Mal versucht  werden. Nein, sagt ihm
besser, er  solle alle  Platten,  auf denen  Teile meiner  Daten
gespeichert  sein   knnten  mechanisch   vernichten,  und   die
Partition des  RAMs,  in  dem  mein  unheiliger  Task  unendlich
weiter brodelt, heraureien und vernichten.                    
                                                                
Warum also  schreibe  ich  euch  diesen  Brief,  wenn  ich  alle
Erinnerung an die  vorgefallenen Ereignisse getilgt  haben will,
und deren  wahrheitsgetreue  Schilderung  sowieso  dem  gesunden
Menschenverstand widerstrebt  ?  Es  ist  der Wahrheit  und  der
Warnung wegen,  die beide  offen, vollstndig  (wo mglich)  und
schonungslos dargestellt  werden  mssen.  Vielleicht  wird  mir
dieser Text nach  seiner Fertigstellung  zu brisant  erscheinen,
als da ihn  ein Auge erblicken  drfe, hnlich wie  meine lange
Erklrung an  meine nie  erreichte doch  jahrelang geliebte  A.,
die ich ihr  nie gab doch  stets zu  diesem Zweck bei  mir trage
(Saget ihr doch  bitte jetzt, da  mein Aufgeben  vollstndig und
irreversibel ist, doch bitte  wenigstens, das es so  war.). Doch
ich  werde   mich  bemhen,   meine  Feigheit   und  Furcht   zu
unterdrcken, in  der  Hoffnung  keine  bodenlose,  schreckliche
Dummheit und Leichtsinnigkeit zu begehen, und den  Brief euch zu
bergeben.  So  beginne   ich  nun  in   chronischer,  gefasster
Reihenfolge mit  der  Darstellung  der  Ereignisse die  mich  an
diesen versteckten Ort verschlugen.                             
                                            
                                                                
Es begann damit das ich vor wenigen Monaten  auf mein Inserat in
der Zeitung eine Antwort  und ein Angebot bekam.  Ihr wisst, ich
war  finanziell  nie  besonders  stark,  und   finanzierte  mein
Studium zum grten Teil  aus kleineren Programmierjobs.  So sah
auch  dieses   Angebot   aus,   das  von   einer   merkwrdigen,
zwilichtigen Firma  oder  Scheinfirma  war,  die  ausschlielich
ber Postfcher  mit mir  kommunizierte, und  zwar jedesmal  aus
einer anderen  Stadt.  Die Firma  nannte  sich  beim ersten  Mal
'Zirkel   der   Vergessenen'   und   dann   'Gesellschafft   fr
progressive Astrologie', als ich wegen der  Bedeutung des ersten
Namens nachfragte. Sie schickten  mir einen neutralen,  von Hand
geschriebenen Brief,  der als  Absender  nur die  Stadt und  das
Postfach auf dem Umschlag hatte. Die Schrift  war recht krakelig
und kantig,  hnlich  alter  Stterlin-Schrift,  wie  von  einer
Hand, die  eine andere  Schreibweise gewohnt  ist. Den  Strichen
nach zu  schlieen wurde  sie  mit einer  echten Gnsefeder  und
Tinte geschrieben, aber ich kenne  mich da nicht so  aus, da ich
Laserausdrucke mehr gewohnt bin.                                
                                                                
Der Brief begann mit  einem Gru und  dem Hinwei dies  sei eine
Antwort  auf   mein   Inserat,   welches   ausgerissen   daneben
hingeklebt war, wie  zum Beweis.  Dann folgte eine  Beschreibung
des Auftrags.  Die  Aufgabenstellung war  auf  den ersten  Blick
recht einfach, denn  die Form  des Briefes  zeigte mir,  da die
'Gesellschaft'  keine  groe  Ahnung  von  Computern   zu  haben
schien. Es  hie,  man wolle  mit  der Zeit  gehen  und auf  EDV
umstellen,  man  habe  bereits  Computer  der   Marke  so-und-so
aufgestellt, und nun fehle nur noch die  ntige Software. Es war
offensichtlich, das die meisten  der Stze nur  umformuliert aus
dem Werbeprospekt eines bekannten Rechner-Discounters  (der hier
ungenannt  bleibt)  stammten.  Ich  solle  Wert  auf  'intuitive
Benutzerfhrung' und 'Multimedia'  legen, das  dies modern  sei.
Die Umstellung diene  der schnelleren und  effizienteren Arbeit,
da  die  meisten  Berechnungen  nach  der   heutzutage  blichen
Mathematik durchgefhrt werden  knnten. Vor  allem dieser  Satz
machte mich neugierig, und  ich berflog nur rasch  die nchsten
Zeilen,  in  denen  es  hie,  bei  Interesse   solle  ich  eine
besttigende Postkarte an ein  Postfach in Ungarn  schicken, die
Verhandlungsbasis der Bezahlung sei  3762,71 (Ich wei  die Zahl
nicht mehr genau, und  auch die Einheit war  zu verschwommen, um
sie zu  entziffern  zu  knnen).  Meine Entscheidung  war  schon
getroffen, und  rasch  kritzelte  ich  auf  eine  Postkarte  die
Besttigung,  erbat   eine  etwas   genauere  Beschreibung   der
bentigten Berechnungen, und  die oben erwhnte  Nachfrage wegen
des Namens  und  der  seiner  Bedeutung. Denn  die  Aufgabe  war
praktisch klar,  obwohl das  Wichtigste fehlte:  Ich wrde  eine
komfortable, einfache Oberflche schreiben, die  ihnen grafische
und   numerische   Darstellung   der   gewnschten   Algorithmen
ermglichen wrde, und  eine einfache Verwaltung  bot. Natrlich
hatte ich  so  eine Oberflche  bereits  fertig  als Library  in
meinen Verzeichnissen herumliegen, und die Arbeit  wrde sich in
Grenzen halten.  Das  Interessanteste  war die  Andeutung  einer
anderen Mathematik,  denn Randgebiete  und berlieferungen  ber
alte Rechenmethoden interessierten  mich immer  schon. Man  soll
nicht vergessen,  da die  Mathematik  die wir  heute haben  auf
wenigen, grundlegenden  Annahmen  basiert,  und vor  allem  ihre
Darstellung  im  Prinzip   willkrlich  ist.   Wenn  man   diese
Grundlagen und  ihre Zeichen  ndert,  so erhlt  man etwas  das
zuerst vllig  neu aussieht,  auf  den zweiten  Blick aber  eine
Erweiterung   der   'normalen'   Mathematik   ist    und   deren
Verstndniss frdert. Dies  geht mit  Zahlensystemen ebenso  wie
mit den  Operatoren  die  ihre  Elemente verbinden.  Aber  diese
Liebe  zu   den  abstrakten   Formeln   und  klaren,   logischen
Ausdrcken, die frher  mein ganzes  Wesen bestimmte, ist  jetzt
erloschen,  da  ich  das   Vertrauen  in  die   Mglichkeit  der
Darstellung der Natur durch  sie verloren habe. Denn  selbst die
Chaostheorie kann nicht  erklren, was mir  geschah, und  in der
Stochastik ist mein  Erlebnis jenseits  der Glockenkurve.  Heute
schmhe und chte  ich die Gleichungen  und Integrale,  denn sie
sind  alle   unvollstndig  und   engstirnig,   und  von   einer
gefhrlichen Unvollstndigkeit noch dazu.                       
                                            
                                                                
Als  Antwort  auf  meine  Postkarte  bekam  ich  sogleich  einen
Umschlag, in  dem etwa  zwanzig  handbeschriebene Seiten  waren,
die  ber  und   ber  mit   kleinen,  fremdartigen  Runen   und
Illustrationen vollgekritzelt  waren.  Zuerst  bekam  ich  einen
Schreck, denn  ich  verstand  auf  den  ersten  Blick  berhaupt
nichts, und  meine  Auftraggeber  hatten  keinerlei  Besttigung
beigelegt. Ratlos  sa ich  vor  den Blttern  und dachte  schon
daran sie zurckzusenden  und aufzugeben, doch  da gab  mir der,
genderte, Name  'Gesellschaft fr  progressive Astrologie'  auf
dem Absender den  entscheidenden Hinweis.  Es wurde mir  bewut,
da es  sich  bei  den  Runen  und  Zeichnungen  um  Regeln  zur
Sterndeutung handeln  mute,  und  was  verlangt  war,  war  ein
Programm  zur  Berechnung  und  Auswertung   der  astrologischen
Tierkreise nach der  aktuellen Sternzeit. Um  sicherzugehen, und
in der  Hoffnung  doch  noch  weitere Erklrungen  zu  bekommen,
sandte   ich    dem,    erneut   genderten,    Absender    eine
Empfangsbesttigung und  eine  Frage  die,  wie ich  hoffte,  so
gestellt war, da man nur mit einer  recht allgemeinen Erklrung
der  verlangten  Dinge  antworten  konnte,  aber  dennoch  meine
offensichtlich vorhandene Fachkenntnis nicht  anzweifeln konnte.
Bis ich erneut  eine Antwort  bekam, verbrachte  ich meine  Zeit
damit  die   Oberflche   zu   testen  und   eine   Sternenkarte
einzubauen, die  in den  Archiven  einer englischen  Universitt
ber  das  Netz  zugnglich  war.  Das   zweite  Packet,  wieder
unverzglich gesandt, war  etwa doppelt so  dick wie  das erste,
und es  enthielt ebenso  dicht beschriebene  Bltter wie  jenes.
Einige davon schienen  doppelt zu  sein, andere  nur in  Details
verschieden,  und   wieder   andere   gingen  an   die   Materie
anscheindend  von  einer   vllig  anderen  Seite   heran.  Tief
durchatmend legte mir  einen Ordner an,  in dem ich  die Bltter
wie einen Spaghetti-Quellcode  entzerrte und strukturierte.  Und
tatschlich war  ich in  der  Lage einige  der Kreisfiguren  als
Zodiaks zu  erkennen,  und  die  dazugehrigen  Runen,  die  mit
tausend Verstelungen  und  unbersichtlichen  Pfeilen  versehen
waren, als Symbole fr  verschiedene einzelne Tiere  oder Berufe
zu entziffern.  Doch  obwohl  ich  die  Zusammenhnge  nun  grob
umreien konnte,  oder  zumindest  ihre  Existenz  erkennen,  so
fehlte mir doch jeglicher Hinweis, wie dies  nun in ein Programm
umzusetzen sei.                                                 
                                                                
Ich hoffte die ntige  Information in der Bibliothek  zu finden,
und dort von unten aufbauend mich an  die Bltter heranzutasten.
So begab ich  mich zum  ersten Mal  von den  Informatik-Regalen,
die direkt am Eingang standen, tiefer in  die Bibliothek, vorbei
an der Mathematik,  der Physik,  der Chemie,  der Biologie,  den
Sprachwissenschaften, der  Bellestrik  und  schlielich  zu  dem
(lblicherweise, wie ich damals dachte) recht  kleinen Regal mit
Bchern ber  Esoterik  (die  verdammenswerte  Nichtsinformation
enthalten) und  Astrologie. Obwohl  es mir  etwas peinlich  war,
denn  die  Bibliothekarin   kannte  mich,   lieh  ich  mir   die
unwissenschaftlichen Bcher aus,  und las  mich in den  nchsten
Tagen ein.  Langsam  war  ich  in  der  Lage  die  Struktur  und
Bedeutung  der  Zeichen  und  Zodiaks  zu   erkennen,  doch  die
Darstellung in den  Bchern schien mir  hoffnungslos vereinfacht
gegenber der auf den  Blttern, einiges erschien  nur umrissen,
anderes wurde nur  erwhnt und  vieles fehlte  ganz. Ich  atmete
tief  durch   und   beschlo,   trotz   des   irrationalen   und
unwirklichen Charakters des  zu bearbeitenden  Stoffes, ihn  wie
ein ganz  normales  Programm  anzugehen,  denn  ich  kannte  die
Regeln zum Schreiben eines solchen Programmes,  dessen Wesen und
Funktion noch nicht vollstndig verstanden ist.  Erstens, ist es
heutzutage  mglich   ein  Programm   zuerst   in  Umrissen   zu
formulieren,  dank  der  objektorienterten  Programmierung,  und
dann  immer  spezieller   zu  Vererben  und   zu  Verschachteln.
Zweitens ist  es erlaubt  fertige  Algorithmen anzuwenden,  auch
wenn man  sie nicht  versteht. Denn  wer von  uns hat  den schon
einmal eine  schnelle  Sortier-Routine selbst  hergeleitet?  Ich
definierte also eine  allgemeine Klasse,  die in Grundzgen  die
Strukturen  enthielt,  um  die  Elemente  eines  Tierkreises  zu
enthalten, und Referenzen auf die Sternenkarte  beinhaltete. Von
dieser ZODIAC-Klasse  wrde ich  die  verschiedenen Systeme  und
Verwaltungen  ableiten,   die   ja  manchmal   zwlf,   manchmal
dreizehn, manchmal  auch fnf  verschiedene  Gruppen oder  Tiere
beeinhalteten. Angesichts  der  hohen  Komplexitt  die  bereits
diese grundlegendste  aller  Klassen  hatte, beschlo  ich,  da
Programm nicht als fertigen Sourcecode zu  konstruieren, sondern
erst einmal als digitalen  Notizblock zu verwenden, aus  dem ich
dann langsam ein lauffhiges Programm herausmeiseln  wrde, eine
Fehlermeldung  nach  der  anderen  tilgend.   Angesichts  dieser
gewaltigen  Aufgaben  schrieb  ich  meinen   Auftraggebern  eine
weitere Postkarte, in der ich um eine  grozgig bemessene Frist
bat,  da  sich  einige,  natrlich  keineswegs  unlsbare,  aber
zeitspielige technische Probleme ergeben htten.                
                                                                
Ich erhielt ein weiteres  Paket als Antwort, das  wiederum einen
Packen loser,  offensichtlich  schnell  abgeschriebener  Bltter
enthielt,   diesmal   noch    kleiner,   enger,   dichter    und
unleserlicher  bekritzelt.  Anscheinend  war  ich  miverstanden
worden, und man  hatte mir  noch mehr  Material gesandt,  um mir
weiterzuhelfen. Ich  ging noch  weitere Male  in die  Bibliothek
und sammelte nun  auch Bcher  ber alte  Schriften, die  Mystik
des grausamen  Mittelalters  und Magie,  und  langsam wurde  der
kleine Schreibtisch in  meinem Zimmer unbersichtlich,  und mein
(von   anderen   ehrfurchtsvoll   gemiedener)    Stammplatz   im
Rechenzentrum zu einem  Chaos, in dem  ich jeden  Nachmittag die
Tastatur  neu  ausgraben  mute  (denn  ich   hielt  streng  den
Tagesablauf eines Informatikers  ein, der  am spten  Nachmittag
zu Arbeiten beginnt,  und in  den frhen Morgenstunden  aufhrt,
rechtzeitig fr die Vorlesungen). Glcklicherweise              
interessierte sich niemand fr  das was ich tat,  denn wer wei,
was fr  Unheil angerichtet  worden wre,  htte ein  Professor,
der sich auskennt,  in meinen Unterlagen  geblttert. Vielleicht
wre  aber  auch  Unheil  verhindert  worden,  denn  ich  selbst
bemerkte  bis  zum   Schlu  den  unheiligen   Charakter  meiner
nekronomen Arbeit nicht.                                        
                                                                
Die Anzeichen  begannen  zu  winken,  als ich  unvermutet  einen
Brief von  der  'Gesellschaft'  erhielt,  der auer  fnf  neuen
Seiten einen  Zettel  enthielt, in  dem  ich  in groen  Lettern
aufgefordert wurde,  die  Seiten  zu  vernichten,  die  folgende
Zeichen  enthielten   (dann  folgten   Zeichnungen  in   groen,
krakeligen Strichen, offensichtlich wollte man  sichergehen, da
ich verstand), und zwar unverzglich, man habe  sich geirrt, und
der Schuldige sei bereits  bestraft worden. Durch  diesen Zettel
wurde ich auf die Qualitt des Papieres  aufmerksam, denn es war
ein abgerissener Fetzen.  Die Ristelle sah  aber gar  nicht wie
die von Papier aus, sondern hinterlie breite  Streifen, wie von
Pergament. Auch hatte ich  die Seiten stets im,  ansonst dunklen
Rechensaal, flimmernden  Licht  meines  Monitors  gelesen,  doch
jetzt trug ich sie zum  ersten Mal unter die  weie, kalte Farbe
der Neonrhren  im Gang,  und tatschlich,  die gelbliche  Farbe
identifizierte das Papier als Pergament.                        
                                                                
Ich machte mich  jetzt auf  die Suche  nach den  falschen Seiten
(oh, wenn  ich gewut  htte  da sie  alle  falsch sind),  doch
konnte ich  keine  der  verbotenen Zeichen  erkennen.  Natrlich
dachte ich  nicht,  das  es  gefhrliche,  blasphemische  Seiten
waren, sondern  lediglich unntige,  unerwnschte,  die aus  dem
Programm ausgelassen werden sollten, um es  zu vereinfachen. Ich
suchte zwei Tage,  doch konnte von  keiner Zeichnung  sagen, das
sie eine auf dem Zettel reprsentiere. Gewi,  sie hnelten sich
alle,  in   ihrer   zyklischen,   runden   und   traubenfrmigen
Anordnung, doch  welche genau  gemeint waren,  konnte ich  nicht
sagen.  Heute  wei  ich  natrlich,  da  die  Darstellung  der
fatalen Illustrationen  vermieden wurde,  und man  mir nur  vage
Hinweise gab, wo  sie zu  finden seien, in  dem man  Zeichen als
Wegweiser benutzte, die man  in der Nhe der  verbotenen Symbole
wgte. Vorsichtshalber entfernte  ich nichts,  und setzte  einen
Text auf, in  dem ich  darlegte, da es  nicht vllig  klar war,
welche Seiten gemeint  seien, und  auerdem wre  die bis  jetzt
erhaltene Information bereits fest ins Programm  eingebaut, aber
es  wre  leicht  mglich   die  unerwnschten  Teile   bei  der
Bedienung  zu  umgehen,  und  bald  wre  das  Programm  fertig.
                                                                
Ich begann noch schneller  zu arbeiten und lnger,  besorgte mir
sogar die Schlssel fr  das Rechenzentrum um  Sonntags arbeiten
zu knnen.  Auch lie  ich  immer mehr  der  mir sonst  heiligen
Vorlesungen  aus.   Immer  weiter   baute   ich  das   Programm,
definierte  neue  Klassen,  da  ihre  Tierkreise  zu  fremd  und
andersartig gegenber  der  ZODIAC-Klasse schienen,  baute  eine
neue, allgemeinere Verwaltung ein, brauchte mehr                
friend-Funktionen als  der gute  Programmiererverstand  erlaubt,
berlud alle  Operatoren  doppelt und  dreifach,  in Formen  die
wahrlich nichts mehr mit  ihrer ursprnglichen Bedeutung  zu tun
hatten, vernetzte die Klassen, so da sie  sich inzestis selbst
vermehrten und  vererbten,  berschrieb, definierte  um,  machte
virtuell, deklarierte  immer  wiederkehrende Symbole  und  Runen
als   globale    Variablen,    als    unabhngige    Referenzen,
derefenzierte, zeigte, doppelzeigte und  dreifachzeigte, leitete
ab, kopierte, schrieb aus,  verflocht alles mit  der Oberflche,
mit   sich   selbst,    mit   seinen    Erben.   Es   war    der
unstrukturierteste,  unverstndlichste  Sourcecode  den  ich  je
geschrieben hatte, und lange  vor dem Ende war  mir bewute, da
ich ihn nie, niemals zu laufen kriegen wrde.  Ich wute da ich
umsonst arbeitete,  doch  irgendwie  hatte  ich  eine  Fhigkeit
entwickelt, die seltsamsten  Symbole in Objekte  umzudefinieren,
ihre unfassbare, analoge und  tiefe Bedeutung in Bits  und Bytes
zu wandeln, in  Einsen und Nullen,  und Ableitungen  davon. Kein
Debugger wrde die  Rangordnung meiner Klassen  anzeigen knnen,
kein Compiler die  Labels fassen. Und  doch schrieb  ich weiter,
den  ich  hatte  schon  zu  viel  Zeit  hineingesteckt  um  noch
aufzuhren.   Ich   entzerrte   kaum   noch   etwas    von   dem
ursprnglichen Gekritzel  aufs eigene  Papier,  machte mir  kaum
noch Notizen,  sondern  schrieb  einfach,  immer  weiter,  immer
verschachtelter. Vielleicht  war  es  berhaupt nicht  mehr  die
Sprache in der ich  angefangen hatte, in der  ich jetzt schrieb,
vielleicht war es berhaupt  nicht mehr die  ANSI-Konvention der
Formulierung,  vielleicht  war  es  eine  eigene,  infernalische
Formulierung, die  genauso undeutlich  und zusammengepresst  war
wie das Gekritzel auf den Seiten. Denn  einige der Ausdrcke und
Vergleiche  die  zusammengepresst   und  Leerstellen   hintippte
schienen  mir  von  Grund  auf  falsch,  und   nicht  der  Logik
entsprechend, die  wir kennen.  Ich benutzte  die Operatoren  an
falschen Stellen, wo  sie nicht  stehen durften, und  definierte
Vergleiche, die gleichzeitig  Summen und  Faktoren von  gnzlich
unkompatiblen Objekten waren.                                   
                                            
                                                                
Wie dem  auch sei,  am fnften  Tage nach  der Aufforderung  und
meiner entschuldigenden  Antwort  kam  eine  zweite,  mit  roter
Tinte geschrieben,  in der  stand, ich  solle unverzglich  alle
Arbeit an dem  Programm einstellen,  alle erhaltenen Seiten  und
Kopien davon verbrennen  und verstreuen,  und mein Honorar,  das
man Mal 13 genommen hatte, und dessen  Einheit Goldgramm war, in
der-und-der Stadt  in  dem-und-dem  Schliefach  abholen.  Sonst
wrde man Abgesandte  schicken, die die  Vernichtung bernehmen,
und  auerdem   fr   eine   angemessene   Bestrafung   gewisser
Ungehorsamer  (dies  war  unterstrichen)  sorgen   wrden.  Nach
diesem Brief wurde  mir zum  ersten Mal  das Unheimliche  meiner
Arbeit bewut.  Denn  bisher hatte  ich  die 'Gesellschaft'  fr
einen Verein alter  Wahrsagerinnen gehalten,  die neuen  Schwung
in ihr verstaubtes Geschft  bringen wollten, indem sie  auf EDV
umstellten. Jetzt  wurde  ich  neugierig  und  mitrauisch,  da
heit, ich  wollte mehr  ber meine  Auftraggeber erfahren.  Ich
holte die fnf erhaltenen Briefe und studierte  die Absender. Es
waren Adressen in  Deutschland, Ungarn,  Polen, der Schweiz  und
in Frankreich.  Auf  einer  Europakarte  und markierte  ich  mit
Hilfe eines  genaueren Atlases  die  Orte, an  denen die  Briefe
abgeschickt  wurden.  Wie  gesagt,  es  waren  allesamt  grere
Stdte, da heit etwa ab 10000 Einwohner.  Was mich verwunderte,
war,  da  die  Handschrift  der  Briefe  stets  diesselbe  war,
zwischen den  Orten  aber  ein  Abstand von  je  schtzungsweise
900km lag. Die  Kommunikation dauerte immer  etwa zwei  Tage von
ihnen zu  mir,  und  etwa  acht  Tage,  bis  sie  meine  Antwort
erhielten. Sie, oder  die eine Person,  muten also  einen Brief
abschicken, auf meine Antwort warten, sofort, in  einem Tag, zum
neuen Sttzpunkt fahren (oder wohl fliegen) und  am gleichen Tag
die Antwort  noch  abschicken.  Das  war  schier  ein  Ding  der
Unmglichkeit, wenn man  die enge  Schrift der Seiten  bedachte.
In Gedanken fuhr ich  die Reiseroute der 'Gesellschaft'  mit dem
Finger nach, und da machte ich eine  merkwrdige Entdeckung. Die
Wege verliefen nicht  etwa zyklisch, sondern  berkreuzten sich,
so da  sich eine  fnfeckige  Form bildete,  das  ich bald  als
Pentagramm erkannte. Die Spitze zeigte Richtung  England, und da
Indien oben ist  in der Geographie  des Tierkreises, war  es ein
umgedrehtes Pentagramm.  Und  unsere  Universitt lag  genau  im
Mittelpunkt.                                                    
                                                                
Ich erschrak, denn es  war mir bewut,  das ich es  mit mehr als
verrckten alten  Damen  zu  tun  hatte,  sondern  vielmehr  mit
irgendwelchen unnatrlichen okkulten Fanatikern, und  wollte mit
der 'Gesellschaft'  nichts  mehr  zu  tun  haben.  Wie  geheien
vernichtete ich die  Pergamente durch Verbrennen  und verstreute
die Asche in den Mlleimern  der Stadt und im  Flu. Ich schrieb
eine Postkarte an die  angegebene Adresse (die die  gleiche war,
an  die  ich   zuerst  geschrieben  hatte),   in  der   ich  die
Vernichtung des  Materials versicherte,  und der  'Gesellschaft'
das Honorar  erlie, da  sie schlielich  nichts bekommen  habe,
und hoffte  sie  habe  mit  einem  anderen mehr  Glck  als  mir
(Natrlich wnsche ich  niemanden mit  diesen Individuen zu  tun
zu bekommen, aber ich wollte die  Verbindung vollstndig lsen.)
Ich rumte meinen  Platz auf, brachte  die Bcher zurck  in die
Bibliothek und vernichtete auch  den gesamten Ordner  mit meinen
eigenen  Notizen,   falls   die  'Gesellschaft'   ihre   Drohung
wahrmachen sollte und  Abgesandte schickte, die  die Vernichtung
berprfen  sollten.  Ich   wollte  keine   Spuren  der   Arbeit
hinterlassen.  Zum   Schlu   war   mein   Arbeitsplatz   wieder
aufgerumt, und nur  noch eine Sache  war von  der Angelegenheit
brig: Der Sourcecode.                                          
                                                                
Ich betrachtete ihn  und las zum  ersten Mal die  Filegre, die
mir einen erstaunten Pfiff entlockte. Ich  hatte nicht erwartet,
so viel geschrieben  zu haben. Als  ich den  Lschbefehl bereits
eingetippt hatte,  da besann  ich  mich anders  (und hier  liegt
meine schreckliche  Schuld)  und beschlo  den  Source zum  Spa
wenigstens einmal  zu  compilieren, nur  um  zu sehen,  wieviele
Fehlermeldungen es gebe.  Ich compilierte  also und leitete  die
Ausgabe der Nachrichten auf ein  File um, damit ich  sie in Ruhe
lesen konnte. Der Compiler arbeitete ungewhnlich  lange, lnger
als er es htte  drfen. Denn bestimmt war  irgendwo ein fataler
Syntax-Fehler, der weiteres  compilieren unmglich machte.  Aber
nein, der Compiler compilierte volle fnfzehn  Minuten. Gespannt
und verwundert  schaute  ich  mir  das Fehler-File  an.  Es  war
erstaunlich kurz,  und  der  Compiler  hatte  nur  eine  Meldung
ausgegeben, und die war ein Warning:                            
                                                                
     []ͻ      
      Warning: Destructor has no effect 'TIER::~TIER()'       
     ͼ      
                                                                
Ich hatte so eine  Fehlermeldung nie gesehen, doch  noch weniger
konnte  ich  mich  daran   erinnern  eine  Klasse   namens  TIER
definiert zu haben. Wenn, dann mute es  eine der spten Klassen
sein, die  als  Darstellung eines  der  nicht  in den  Tierkreis
passenden Symbole  diente. Ich  rief die  Entwicklungsoberflche
auf und  suchte  nach dem  Wort  'TIER'. Doch  es  wurde nur  im
Zusammenhang mit  'Tier'kreis gefunden,  und  zwar etwa  fnfzig
mal,   aber    stets   mit    Zahlen    und   Indikatoren    wie
'Tierkreis_12::View()', obwohl man diese  Schreibweise vermeiden
soll. Schlielich  rief ich  eine Liste  mit allen  Destruktoren
auf, doch  ich hatte  erstaunlich  wenige, etwa  sechundsechzig,
definiert, und  keiner  davon gehrte  der  Klasse 'TIER'.  Auch
konnte ich  die  Fehlermeldung  'Destructor  has no  effect'  in
keinem Buch  und  keiner  Hilfe  finden,  sondern  nur  die  mir
bekannten wie 'Destructor has  different name than  class', aber
das waren allesamt Fehler,  und keine Warnungen, und  ich konnte
deren Sinn und Notwendigkeit verstehen.                         
                                                                
Nach einer Weile  gab ich  die Suche auf,  und wagte  etwas, da
ich nie htte wagen  drfen: Ich startete das  fertige Programm.
Sofort   fing   eine    umfangreiche   Konstruktor-Sequenz    an
durchzulaufen,  vor   einer  dunkelgrauen,   leeren   Oberflche
wartete  ich  auf   die  Fenster  des   unbekannten,  unheiligen
Programms. Htte  ich  nicht an  einem  Terminal gearbeitet,  so
htte  ich   jetzt   die   Festplatte  endlos   rattern   hren.
Schlielich tauchten  einige Fenster  auf,  mit dunklen,  brauen
Rahmen, die sich bereinander schoben, ineinander               
verschachtelten, sich in langen Kaskaden anordneten,  in Kreisen
und Ketten,  immer mehr,  immer  wieder, da  ich glaubte,  bald
wre die Kapazitt der  Oberflche erschpft. Es  erinnerte mich
an ein Gewimmel  von Maden  in verschimmelndem  Fleisch. Und  in
den Fenstern selbst herrschte eine ebenso  unheimliche Bewegung,
als sich Ikonen  anordneten, Texte  erschienen und  wohlbekannte
(doch  ewig  unverstandene)  Tierkreise   graphisch  dargestellt
wurden.  All  das   schien  in   unnatrlicher  Floureszenz   zu
leuchten, wobei ich unter natrlich das  elektronische Licht des
Monitors verstand.  Die  Auflsung  schien  hher  zu  sein  als
mglich, wenn mein  mdes, doch  jetzt wieder alarmiertes,  Auge
dies richtig erkennen konnte.  Alles was dargestellt  war schien
ich zu  erkennen, denn  es  waren die  Zeichen der  vernichteten
Seiten, nur diesmal klarer,  kantiger, gerader vom  Computer mit
Standardbefehlen  gezeichnet.   Und   jetzt  schien   auch   die
Detailreiche zuzunehmen, denn ich erkannte, da  die Zeichen gar
nicht so  krakelig  gezeichnet  waren  wie  ich  gedacht  hatte,
sondern kleine und  kleinste Randfigrchen enthielten,  die sich
jetzt wie von Zauberhand,  (in Wirklichkeit wohl  irgendwie ber
mein Unterbewutsein)  nie eingegebenen,  Schnrkel jetzt  durch
Iteration   und    Rekursion   meiner    unreinen    Algorithmen
reproduzierten, doch echter diesmal und wirkungsvoller.  Und als
ich nher hinsah so konnte ich einiges  besser erkennen, und ich
erschrak,   denn   ich    fand   Darstellungen   von    fremden,
blasphemischen Ritualen, von  der Schndung von  Jungfrauen, der
Schlachtung von  Kindern und  einfachen  Tieren, von  unheiligen
Gottesdiensten fr  die Anderen  Gtter  und Schlimmeren,  deren
bloe Andeutung bereits  der Menschheit  schaden bringen  wrde.
Und ich  sah  Monster  und Ungeheuer,  wie  es  sie nicht  geben
durfte, aber  hier  doch mit  solch  einer Klarheit  dargestellt
wurden als seien  sie Bestandteil  des ASCII-Zeichensatzes,  und
Gott verhindere, da es  jemals so weit komme!  Und manche Runen
zeigten auch die Landkarten von fremden,  hoffentlich imaginren
Lndern   die   schreckliche   Steindrfer   und    Stdte   aus
megalithischen Tempeln  beherbergten, und  deren Grenzen  diffus
und unwirklich schienen, so  da man nicht sicher  sein kann, ob
sie nicht am  nchsten Kanaldeckel  beginnen. Und  alles war  in
dunklen, grauen und braunen  Farben gezeigt, in das  das Rot von
Blut oder die Farbe von Opferfeuern wie  grelle Kleckse stachen,
zusammenhangslos und verwirrend.  Denn insgesamt ergab  sich ein
ungeheurer Eindruck von  Schmutz und  Elend, und  eine Aura  des
Unbekannten legte sich ber die Glasscheibe.  Dann endlich kamen
die Fenster zum Stillstand, so ruckartig, da  sie fr mich noch
eine Weile im  Hintergrund zu  lauern und  zu brodeln  schienen,
und tatschlich, da taten sie auch.                            
                                                                
Vor mir  sah  ich eine  verschachtelte  Ebene, eine  mysterise,
undurchdringbar und  unerkennbar  scheinende  Oberflche,  deren
Fenster sich  ineinander festhielten,  umklammerten,  umkreisten
und  komplementierten,  und  an  jeder  Ecke  und  jedem  Winkel
glaubte ich Schwaden  zu erkennen,  die meine  mden Augen  dort
hinzauberten.  Dies  war  es  was  ich  geschaffen  hatte,  eine
Anwendung des  Bsen,  ein  digitaler  Altar  auf  dem  rituelle
schlechte Kulte vollfhrt werden sollten. Ich wei  es nicht wie
ich es euch  beschreiben kann,  so da ihr  es glaubt,  aber ich
WUSSTE ob  der  unendlichen  Bedrohung,  die  von  dem  Programm
ausging.  Gewi,  es   was  immer   noch  nur  eine   lauffhige
Ansammlung von  Bits  und  Bytes,  deren  Struktur  mit  unseren
Naturgesetzen zu  erfassen sein  msste,  doch wie  man vor  dem
toten Stck  Metall  Angst hat,  das  die  Klinge eines  Messers
bildet,  so   frchtete  ich   mich  vor   dem  Programm,   denn
schlielich ist es nicht das Werkzeug das  Gefahr birgt, sondern
die Hand die es fhrt,  und bei meinem eigenen  Programm war ich
nicht sicher  ob ich  das war.  Und  so versuchte  ich die  eine
Aufgabe zu bewltigen das  Programm wieder zu beenden,  und alle
Fenster zu schlieen.                                           
                                                                
Es stellte sich schwer  heraus, unendlich schwer, denn  wenn ich
ein Fenster  schlo mit  dem  Schwert des  Mauszeigers, dem  die
Ungeheuer bse zischend nachglotzten,  so taten sich  dafr drei
neue auf, denn in denn Tierkreisen ergnzen  die brigen elf das
zwlfte Wesen von selbst, und erst nach  Stunden schwerer Arbeit
und Verzweiflung erkannte  ich eine Methode  mit der  ich Erfolg
haben knnte. Denn schlielich  hatte ich das  Programm immerhin
geschrieben und kannte  zumindest einige der  Zusammenhnge, und
ich zielte  jetzt vornehmlich  auf  die Ikonen  und Fenster  der
Basisklassen, die  mglichst grundlegende  Symbole zeigten,  und
nach einer Weile  gelang es mir  die Darstellung der  Fische vom
Schirm zu  verbannen,  die  mit  einem  unhrbaren  Seufzer  ihr
digitales,  unreines  Dasein  aufgaben  und  aufhrten  zu  sein
(hoffte ich, den der notwendige Code war immer  noch da, wenn er
auch nicht  mehr  durchlaufen  wurde).  Viele  Fenster  schloen
sich,   und   Ikonen    wurden   leer,   und    die   filigranen
Ungeheuerlichkeiten   von   gewissen   Randzeichnungen    wurden
unschrfer, das heit, leerer, viereckiger, pixeliger,  ohne die
piscine Darstellung der verseuchten Meeresbiester.              
                                                                
Schlielich   schaffte   ich    es   unter   einer    wie   eine
Verteidigungsmauer  angelegter  Kaskade   von  Monstern,   deren
Vorfahren vor  allem Zwillinge  gewesen zu  sein schienen,  aber
deren Zge  auch  gouhlischere Merkmale  trugen,  und einer  sah
einem Avatar  seiner  selbst  verblffend hnlich,  ein  relativ
simpel aussehendes  Fenster  freizulegen,  das  einen  einzelnen
Tierkreis enthielt, und ein direkter Erbe  dieser grundlegenden,
ersten  'ZODIAC'-Klasse   zu   sein  schien,   jedoch   dreizehn
Grundtiere enthielt, wobei  das dreizehnte  wohl der  Grunddmon
der niederen  Teufel war,  mit plumben,  schmierigen Zgen,  aus
einfachen Rechtecken  grausam geometrisch  zusammengesetzt.  Wie
eine Spinne lauerte  dieses Fenster in  einer Ecke  des Schirms,
und als ich  es schlo schien  dem brigen klebrigen  Gewebe aus
Fenstern ein entrsteter  aber auch furchtdurchdrungener  Schrei
zu entfahren,  und  viele  kleine  Fenster  schlossen  sich  von
selbst, groe  wurden  detailloser, so  da  sie  mir mit  ihrer
blanken   Boshaftigkeit    entgegenstarrten   ohne    sich    in
verschnrkelten Zeichen  zu verstecken.  Dieser Ausdruck  begann
langsam den  gesamten Bildschirm  zu beherrschen,  und auch  der
Einflu   vieler   verschiedener   schwcherer   Kulturen-   und
Unkulturen schien langsam zu  schwinden, um langsam  aber sicher
das freizulegen was  sie verkrperten,  nmlich das reine  Bse,
das die moderne Psychologie  so genau analysiert haben  will und
nchtern untersucht  so  da  es  harmlos erscheinen  soll,  und
dessen digitale Verkrperung  unter den  Fenstern hockte.  Nein,
hier wurde  es  sichtbar wozu  all  diese Berechnungen  dienten,
nmlich um das eine darzustellen und  vorauszusehen, was niemand
erwarten will und  an dessen  Advent die  Welt untergeht.  Durch
Unvorsicht hatte  mir  die  'Gesellschaft'  mehr als  die  reine
Beschreibung und  Berechnung dieses  Dinges ermglicht,  sondern
mir  die  Grundlage  fr  ein  unreines   Nest  gegeben,  dessen
digitale Gebrmutter ich jetzt hier mhsam  zerfetzen mute. Die
blanke Anwendung des Teufels hatte ich geschaffen,  und weil die
Fenster trotz  ihrer  immer diffuseren  Rnder  und ihrer  immer
dsterer wirkenden  Farben  doch  immer noch  dem  wohlbekannten
Standard fr  Benutzeroberflchen entsprachen,  doch immer  noch
die  selben  Grundfunktionen  aufwiesen,  und   dieselbe  Grafik
benutzten, deshalb mchte ich in meinem  restlichen Leben keinen
Computer mehr sehen oder gar berhren.                          
                                                                
Entschlossen atmete ich jetzt durch und begann  mit meinen roten
Augen  und  meiner  verkrampften,  kalten  Hand   die  die  Maus
umklammerte den Endkampf  gegen das  Unbekannte Bse zu  fhren,
das ungeduldig und  doch zum Sprung  bereit hinter  den Fenstern
lauerte, dessen Exorcist  ich war. Nach  was ich  gezielt suchte
war  das  Grundfenster  der  'ZODIAC'-Klasse,  doch   ich  hatte
bereits derartig tiefe Narben in die  Tierkreise geschlagen, da
ich bezweifelte,  ob  es  sie war,  auf  die  das Programm  noch
gesttzt war.  Und  tatschlich  zersetzte  sich  die  zyklische
Struktur der  Oberflche  immer mehr,  und  die Bilder  nderten
sich langsam  zu  immer  groteskeren  Symbolen  und  Wesen,  die
zischelnd verschwanden wenn ich  ihre Fenster schlo.  Doch dann
erhielt  ich   pltzlich  Darstellungen,   die   mittelalterlich
anmuteten, Ikonen  von  Mnchen  und  Propheten, von  Hexen  und
Ketzern, alles rudimentr  dargestellt, aus der  Standartlibrary
simpel zusammengesetzt.  Ich  glaube,  das Programm  wollte  mir
etwas mitteilen,  wollte mir  andere zeigen  die vergeblich  den
Kampf gegen das  Bse gefhrt hatten  und verloren.  Ich klickte
auch  sie  weg,  in  dem  rasenden  Wahn  endlich  zum  letzten,
endgltigen  Fenster  zu  kommen   und  es  zu   schlieen.  Die
Darstellungen  wurden   lter,  primitiver,   bedrohlicher.   Zu
Gesichtern  von  Aposteln   mischten  sich  Teufel,   Ungeheuer,
Bestien von den  Rndern der Erde  und der terra  incognita. Und
die einzigen  Symbole  des  Tierkreises,  die  noch  auftauchten
waren die  der  Ratte  und des  Drachen,  doch  ihre Zge  waren
grotesk  entstellt,  viereckig,  fraktal,  wie  von  einem  Kind
gezeichnet, das  zum  ersten  Mal  einen Computer  bedient.  Zum
Schlu konnte ich nicht mehr unterscheiden  welches welches war,
und beim  Schlieen des  letzten Ratten-Drachens  hatte ich  das
Gefhl einer untergegangenen Rasse einen  gnadenvollen Todessto
versetzt zu haben,  der sie dieser  schlechten Welt  entzog, und
sie aus  den drren  Fingern  des ultimaten  Bsen entri.  Doch
schlielich nach einer  Zeit, die  so lange  war, da  ich nicht
wage sie abzuschtzen,  erblickte ich nur  noch einen  Kreis von
vierundzwanzig Fenstern, nach  dem sich  auf einmal die  anderen
Fenster wie  in einem  negativen  Feuerwerk geschlossen  hatten,
der Big  Cruch der  Schergen des  Bsen, und  den Blick  auf das
freigaben, was dahinter lag.                                    
                                                                
Und ich sah die vierundzwanzig Fenster, die  mich blendeten, den
in ihnen  waren  abgebildet  vierundzwanzig  Throne  aus  weiem
Marmor, auf denen saen  vierundzwanzig Greise, die  streng ihre
Brte  zausten  und  mir  vierundzwanzigmal  die  warnende  Hand
entgegenstreckten.  Und  erst  heute  wei  ich   da  dies  die
vierundzwanzig Greise  der Apokalypse  waren,  die mich  mahnten
das Jngste  Gericht zu  seiner bestimmten  Zeit stattfinden  zu
lassen. Und die Fenster waren einander berlappend  in der Mitte
des Bildschirmes angeordnet,  so da  sie verdeckten was  hinter
ihnen lag.  Doch am  Rand des  Schirmes sah  ich einen  Teil des
Hintergrundes,   der    einen   unendlich    tief    scheinenden
Sternenhimmel  enthielt,  dessen  Konstellationen  mir  gnzlich
unbekannt waren,  und zwischen  dessen  Sternen unfrmige  Dinge
flimmerten und torkelten. Und die Warnung  der Greise miachtend
schlo ich ihre Fenster,  und einer nach dem  anderen verschwand
dorthin woher  er gekommen  war. Nach  und nach  legten sie  den
Hintergrund frei, und  ungeahnte plastische Abgrnde  taten sich
in dem  digital  dargestellten  Kosmos  auf, der  mich  frmlich
einsog. Und  endlich schlo  sich  der letzte  Greis mit  seinem
Thron, und legte alles frei  was er und seine  Brder so sorgsam
gehtet hatten. Und ich war fast erschlagen  von der undenkbaren
Klte und verwahrlosten  Tiefe die  der Weltraum  in sich  barg.
                                                                
Aber in der  Mitte des Bildschirmes  war ein groes,  nicht mehr
rechteckig zu  nennendes,  ultimates  Fenster,  in dem  mir  die
Bestie entgegenstarrte, die  das Tier war.  Es war  wieder keine
wirklichkeitsgetreue Darstellung  irgendeines Monsters,  sondern
die schreckliche, reale Graphik des Antichristen,  verstelt und
geschlngelt und berlappt, mit  den sieben Kpfen und  den zehn
lsterlichen Namen, und der Hure Babylon mit  allen ihren Snden
als  schamlose   Reiterin  auf   dem   siechen  mit   verbotenen
Geschwren  bershten   Rcken.   Das   war   es,   wovor   die
vierundzwanzig Greise  warnten,  das war  es  wovor die  Apostel
zurckschreckten,   und   die   Propheten    ihre   Destruktoren
aufriefen. Es war  die nie  eingegebene Klasse  des Tieres,  des
Objektes  des   Bsen   das  gefrig   in   den  Gedrmen   des
Rechenzentrums sa und nur darauf wartete  seinen unreinen Samen
durch  das  Netz  zu  spritzen  und  seine  teuflische  Brut  zu
gebren, deren  schleimige  Exkremte sich  durch  die Kabel  der
Erde erbrechen wrden.                                          
                                                                
Und  hysterisch  schlo  ich  das  Fenster,   dessen  Destruktor
fehlte,  und   das   einzige  was   passierte   war,  da   eine
Fehlermeldung aufplatzte, grell und  scharf, die mir  sagte, da
der  Speicher  nicht   korrekt  freigegeben   wurde  und   unter
hmischem triumphalen  Grinsen  des  Tieres  beendete  sich  das
Programm, das jetzt  ewig irgendwo in  den tiefen  des Speichers
lauert und schwebt, darauf  wartend wieder gestartet  zu werden.
Und in Panik  durchstreifte ich  die fremdartigen  Verzeichnisse
und Auslagerdateien, die das Programm erstellt  hatte, und deren
Namen  aus  verbotenen   Zeichen  bestanden,  wie   eine  kranke
Partition mit verlorenen Ketten und zerstrten                  
Zuordnungseinheiten,  deren  magnetische  Felder   eine  dritte,
dmonische Polarisation aufweisen. Es waren  riesige, satanische
Datenmengen die  das Programm  erzeugt hatte,  und deren  Inhalt
ich nicht zu  untersuchen wagte.  Ich bewegte  mich durch  meine
Festplatte wie durch  eine schleimige  Grotte, in der  Ungeheuer
die fauligen  Eier  ihrer  blasphemischen  Brut  zchteten,  von
deren Schmutz  all  meine alten  Daten  unrettbar berdeckt  und
beschmiert waren, das Werk vieler Jahre, von  dem ich das meiste
zwar sicher kopiert  hatte, aber  fr dessen Rekonstruktion  ich
Wochen brauchen wrde.  Es gab nur  eines zu tun,  nmlich alles
zu  lschen  was  sich  lschen  lie,  und   im  Notfall  meine
Festplatte  zu  formatieren.  Aber  ich  wute,   dies  war  nur
theoretisch und  virtuell  mglich,  denn  in  Wirklichkeit  war
meine   Festplatte   lediglich   eine   Partition   der   groen
Magnetplatten  des  Rechenzentrums,   vermutlich  verteilt   und
fragmentiert.  Ich  versuchte   also  zu  lschen,   doch  meine
schlimmste Befrchtung,  dies  sei nicht  mglich  bewahrheitete
sich fatal, ja, wie zuvor im hllischen  Programm schienen meine
Versuche nur neue  Dateien zu erzeugen.  Ich gab  diese Versuche
also auf  und nderte  lediglich  alle Paworte,  die Zugang  zu
meinen Dateien verschafften, setzte  die Flags, die  den Zugriff
auf die  fragwrdigen  Programme mglichst  verhindern  sollten,
und unternahm  noch  anderes,  soweit  im Rahmen  der  Situation
mglich, das hier aber aus Sicherheitsgrnden  ungenannt bleiben
soll. Dann  stieg  ich aus  und  beantragte  das Lschen  meiner
Zugriffsrechte   und    meiner   gesamten    Person   aus    der
Univerwaltung. Und dies war  das letzte was ich  jemals an einem
Computer tat.                                                   
                                            
                                                                
Darauf schlief ich ein, vor Erschpfung und  bermdung, und wie
ihr wisst  fandet  ihr  mich  am  nchsten  Morgen  in  konfusem
Zustand und legtet mich  auf mein Bett, wo  ich mich ausschlafen
sollte. Ich  habe mir  dies nicht  gegnnt, auch  aus Angst  die
Abgesandten knnten  erscheinen, oder  irgendeine andere  Person
knnte (die hiermit  abgelegte) Rechenschaft von  mir verlangen,
und packte  stattdessen meine  Sachen ein,  auer natrlich  den
Unterlagen  meines  Studiums   und  allem,   was  entfernt   mit
Informatik zu tun hatte, und verlie  die Universitt unbemerkt.
Ich schreibe euch  dies nun von  einem Ort  aus an dem  ich mich
sicher  whne,  und  eine  Lehre  der  Botanik  beginnen  werde,
abseits von meinem alten Leben, das mir  stets nur als unheilige
Erinnerung erhalten bleiben wird.                               
                                                                
Ich sage euch  also Lebewohl und  alles Liebe, und  mchte meine
Bitte den Sarg meiner Daten nicht anzutasten  und die Erinnerung
an mich zu lschen, noch einmal erneuern.                       
                                                                
                                Euer vermisster Freund.         
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
(c) 1994 by Gerhard Brandt                                      
(changes and further use reserved)                              
                                                                
