                                                                
                                                                
                             Teil 2                             
                                                     
                                                                
                                                                
                                                                
Die nchsten  Stunden  bestanden aus  Kaffeetrinken,  Durchatmen
und  Beobachtung.   Alle   im   Raum   beschrnkten   sich   auf
bruchstckhafte Kommunikation.  Eine  merkwrdige  Mischung  aus
Langeweile und  Unruhe beherrschte  mich.  Es war,  als ob  mich
eine Sucht nach  Seifenopern befallen htte,  und ich  die immer
nchste Fortsetzung  zum  berleben  brauchte... blo  weil  der
Schlu mich  interessierte.  Einerseits  sah  ich die  Zeit  als
verschwendet an,  sa  stndig  auf  der Kante  des  Stuhles  um
aufzuspringen und mir ein Buch zu  holen. Andererseits frchtete
ich in dieser  Zeit etwas Wichtiges,  vielmehr Das  Wichtige, zu
verpassen. Meine Augen schmerzten und trnten  von dem stndigen
Geflimmer und Gewusel  auf das ich  starrte, aber was  htte ich
sonst  anschauen  sollen.  Wenn  ich  mich  zur  Tr  zu  drehen
versuchte, kam es mir vor, als ob die  Monitorwand hinter mir zu
grinsen  anfing   und  sich   zum  Sprung   auf  meinen   Rcken
bereitmachte. Wenn  ich  die Augen  schlo,  drehten sich  bunte
Kreise davor,  die  manchmal  von schwarzen  Wolken  ausgelscht
wurden. Ich  setzte den  Kaffee an  die Lippen,  obwohl ich  das
Aroma inzwischen hasste, und  schon im Vorraus ber  seine saure
Bitterkeit erschrak.                                            
                                                                
Mermund und  Higgs  waren  schlaftrunken  und  unruhig  aus  dem
Nebenzimmer zurckgekehrt. Auch  sie konnten den  Gedanken nicht
ertragen, Gefahr zu  laufen etwas zu  verpassen... wenn  es auch
hchst ungewi war,  was. So  saen alle  auer Koch,  der Wache
hatte, am Tisch,  vergruben den  Kopf in  den Ellbogen,  drehten
lustlos Spielsteine in den Fingern, schliefen  ber Dame-Partien
ein und schraken wieder  hoch, saen bewegungs-  und ergebnislos
vor der ewig gleichen  Gleichung, bis ein Fehler  entdeckt wurde
und der Bruchstrich dem  Radierer zum Opfer fiel.  Koch, der das
Schnappschu-Programm geschrieben hatte, war sofort  nach meinen
Kommentaren eifrig an  die Arbeit gegangen  um in  einem kleinen
Compiler-Fenster an Verbesserungen zu arbeiten.  Die Vernderung
die  er  vornahm   wurden  immer   kleiner,  die   verschiedenen
Versionen des  Programms unterschieden  sich  immer weniger  von
den vorherigen. Schlielich  hrte das  Klacken seiner  Tastatur
ganz  auf,  und   er  starrte  nur   noch  trbsinnig   auf  den
Source-Code   und   fuhr   lustlos   mit   dem   Cursor   umher.
                                                                
Ich  erinnere  mich  nicht   gern  an  solch   eine  unangenehme
Situation. Die Frische, die der Raum gehabt  hatte, als Frey und
seine Leute ihn vor  Stunden (waren es Tage  ?) betreten hatten,
war dem Raum  schon lange verlorengegangen,  und fr  mich hatte
er den Reiz  des Unbekannten verloren.  Auch die  Atmosphre die
von  der  Wand  ausging,  deren  Bewohner   uns  unheimlich  und
herrlich  zappelnd   zuwinkte,  schien   sich   der  Laune   der
menschlichen Wesen im Raum angepasst zu haben,  und die digitale
Gurke schien zh  ber ihre  Ebene zu  taumeln und  zu flimmern.
Doch wie  in meiner  Jugend,  als ich  fters  gezwungen war  zu
warten, oder vor einem Film  sa, der zu gut war  um das Ende zu
verpassen, aber  zu  dnn  und  langsam  um  spannend  zu  sein,
balancierte ich stndige  auf der  Kante zwischen Aufstehen  und
Ausharren. Und wie frher  siegte das Ausharren  (vielleicht aus
Grnden der Massentrgheit).                                    
                                                       
                                                                
Wie zuvor, als  das Tier  zum ersten  Mal entdeckt  wurde, wurde
die neuartige Situation  erst bemerkt  als sie  schon in  vollem
Gange war.  Mermund machte  uns  darauf aufmerksam,  und als  er
unglubig auf den  Schirm zeigte und  Frey in die  Rippen stie,
schien es als ob  der ganze Raum  aus einer Trance  erwachte und
direkt in Ekstase berging,  und so war es  eigentlich auch. Was
geschehen  war,  war,  da  in  das  Ende  (beziehungsweise  den
Anfang) des  Schwanzes  Bewegung gekommen  war.  Er schien  sich
langsam, fast unmerklich zu  zersetzen, und dabei eine  Blase zu
bilden, die  sich  wie ein  Wirbel  an  ihm abrollte.  Natrlich
konnten  wir  diese  Entwicklung  nicht  auf  den  ersten  Blick
erkennen,  sie   basierte  eigentlich   auf  Beobachtungen   und
Forschungen der  nchsten Stunden.  Was  Mermund gesehen  hatte,
war eine  ungewhnlich dunkle  Stelle, und  gleich daneben  eine
ungewhnlich helle Stelle, wo sich eigentlich  die Schwanzspitze
befinden sollte.  Sofort vergrerten  wir den  Bereich auf  dem
Notebook-Mikroskop. Ich war jetzt fast so gebt  wie die Anderen
im Erkennen von Strukturen und Anordnungen, und  konnte fast auf
Anhieb eine dnne, aber stabile Zellwand  erkennen. Mermund fuhr
sie mit dem Finger nach, und die  anderen nickten begeistert. Im
Innern dieser Blase  ging ein  Unverstndliches Chaos vor  sich,
von dem ich sicher war, das es in  nicht allzu ferner Zukunft in
einen geordneteren Zustand bergehen  wrde. Was wir  sahen, war
die Geburt einer neuen Zelle.                                   
                                                                
Wir  beruhigten  uns  bald   wieder.  Etwa  zehn   Minuten  lang
kritzelten wir Bltter voll  mit neuen Ideen  und Erkenntnissen,
markierten  die  'Geburtsstelle'  der  neuen  Zelle   mit  einem
Sternchen und diskutierten aufgeregt ber dieses                
Fortpflanzungsverfahren. "Keine  Zellteilung, sondern  eine  Art
Eierlegen !" rief  Frey begeistert.  "Wieso Eier  ? Ich  bin der
Meinung das ist  eine Art Nabelschnur  !" warf Mermund  ein, und
jeder brachte Argumente fr  seine Hypothese vor.  Ich versuchte
mitzumischen, hatte  aber keine  Chance,  gegen den  Redeschwall
der zwei anzukommen.  So zum  Schweigen gezwungen,  war ich  der
Erste der  die  Situation ruhiger  betrachtete.  Es war  nmlich
noch gar nichts bewiesen.  Alle unsere Aussagen  und Vermutungen
basierten auf  nichts  weiter als  unseren  Wunschvorstellungen.
Wer sagte uns  denn, da die  Zelle tatschlich dabei  war einen
Nachkommen auszubilden,  und dieser  neue  Plasmaball die  selbe
Form und dasselbe Aussehen wie seine Mutter  bekommen wrde. Ich
sagte all dies  und auch die  anderen wurden ruhiger.  Nicht nur
deshalb, sondern auch weil nicht allzuviel Neues  auf dem Schirm
geschah. Nachdem wir uns  an die neue Anordnung  gewhnt hatten,
war  sie  ein  Teil   wie  die  alte  Zelle   und  der  Schwanz.
                                                       
                                                                
Die Stunden die folgten hatten etwas von  den vergangenen, auer
das die Langeweile vollkommen  ausgelscht war. Higgs,  Frey und
Mermund machten sich mit  Begeisterung an neue  Berechnungen und
Beobachtungen. Sie  versuchten  vor  allem  herauszufinden,  wie
genau die  einzelnen Informationen  der  Mutterzelle im  Schwanz
abgelegt waren,  und wie  sich  daraus Organe  in der  Kindzelle
bildeten. Der Vorgang,  der in der  Biologie immer  noch relativ
unbekannt war,  schien hier  vor unseren  Augen abzulaufen,  nur
darauf   wartend    erkannt   und    beschrieben   zu    werden.
                                                                
Fr mich  hatte  die  Zeit  etwas von  einem  qulend  langsamen
Geschlechtsakt. Vielleicht  hat  dieser  Vergleich  Mngel  (wie
alle Vergleiche), aber  es fllt mir  jetzt nichts  anderes ein.
Die  Grundfreude  war  immer  da,  aber   der  Hhepunkt  schien
trotzdem in unerreichbarer  Ferne zu liegen.  Was blieb  war ein
hohes Ma  an  Unruhe und  Ungeduld.  Ich  hastete zwischen  dem
Mikroskop und  den Rechnern  (also den  rechnenden Leuten)  her,
und versuchte teilweise ihre Forschungen zu  verstehen. Aber das
blieb erfolglos, denn ich mute einsehen, da  ich es mit Leuten
zu tun hatte,  die mathematisch ungleich  mehr begabt  waren als
ich. Und schlielich hatte ich  es hier mit einem  Zweig zu tun,
auf dem Frey  und seine Mnner  bereits seit  Jahren arbeiteten,
den ich  aber  erst  vor  wenigen Stunden  kennengelernt  hatte.
                                                                
Auch die frchterlichen  Ereignisse die  folgten, spielten  sich
in eben dieser gnadenlos langsamen Art ab.  Der Unterschied war,
da alle im Raum  diese Unruhe sprten, und  in ihren hektischen
Versuchen das  Unvermeidbare  zu  verhindern  in  immer  grere
Panik verfielen.                                                
                                                       
                                                                
Es begann damit,  da die  alte Zelle  pltzlich abnabelte.  Das
heit, pltzlich ist  natrlich bertrieben; der  Vorgang wurde,
wie alle anderen, erst fr uns sichtbar, als  er schon in vollem
Gange  war.  Das  Delta  der  roten  Zellen  schien  langsam  zu
versiegen und  sich  zu  schlieen,  es wurde  vielmehr  einfach
nicht weitergebildet,  wo es  wieder von  vorne begonnen  htte,
nmlich am Gehirn (Insgeheim  bezeichneten wir die  gelbe Region
lngst als solches). Dort mute die  reproduzierende Drehung vor
etwa einem Tag begonnen  haben. Bald war der  Schwanz vollkommen
abgetrennt. Higgs  und  Mermund  hatten  schon vor  einer  Weile
begonnen, auf ihm  entlang die  Stellen zu  markieren, an  denen
sie die Erbanlagen  bestimmter Organe  vermuteten. Ihr Ziel  war
zu entschlsseln  wie  die  verschiedenen  Farben in  den  roten
Zellen abgelegt waren. Die Kindzelle entwickelte  sich rasch, im
wahrsten Sinne des Wortes, und so konnten  Higgs und Mermund auf
Anhieb beobachten,  ob sie  mit ihren  Vermutungen recht  gehabt
hatten. Die Kindzelle schien  diesselbe Form und  dieselbe Gre
wie die  Mutterzelle anzunehmen.  Es gab  also keinen  richtigen
Wachstumsprozess wie bei anderen Lebewesen. Wenn  sie abgetrennt
wurde, wrde die Kindzelle  so vollstndig wie  ihre Elternzelle
sein. Wir hatten es also mit einer  Mischung aus Zellteilung und
Eierlegen zu tun. Die Erbstrnge wurden  nicht innerhalb sondern
auerhalb des Krpers abgelegt.                                 
                                                                
In der Zwischenzeit torkelte die Mutterzelle  weiter in Richtung
des  unteren  Randes.  Sie  hinterlie  jetzt   nicht  mehr  den
Schwanz, sondern  eine dunkle  Strae,  wie ein  kahlgefressenes
Gebiet.  Frey   und   Koch  berieten   sich   darber,  ob   sie
Futterzellen  in  diese  Spur  legen  sollten,   denn  wenn  die
Kindzelle ihre Richtung  nach dem  Loslsen von der  Nabelschnur
beibehielt, dann wrde  sie hchstwahrscheinlich  in der  leeren
Spur entlang kriechen  und vielleicht verhungern.  Sie befragten
mich, was ich  davon hielte.  Ich berlegte.  Im Prinzip  msste
eine Rasse,  um  ihr  eigenes  berleben  zu  sichern,  fr  das
Wohlergehen  ihrer   Nachkommen   sorgen,  also   ein   gewisses
Mutterverhalten an  den  Tag  legen.  Allerdings hatten  wir  es
hier, ich mute  mir dies  immer wieder  deutlich ins  Gedchnis
rufen, wenn berhaupt  mit einer Lebensform,  dann mit  einer zu
tun,  die  nicht  durch  Evolution,  sondern  sozusagen  spontan
entstanden  ist.  Sie   hatte  also  den   Jahrmillionen  langen
Aussortierungs- und  Entwicklungsprozess  nicht  mitgemacht,  in
dem auch die  Verhaltensweisen ausgebildet  werden. Ich  brachte
diese  Argumente  vor,  hatte  aber  offensichtlich  noch  keine
Entscheidung getroffen. Frey fragte: "Gehrt das  berleben ohne
fremde Hilfe denn zu  den Merkmalen von  Leben ? Denken  sie nur
an die vielen natrlichen Tierarten, von denen  jeweils nur noch
wenige Exemplare existieren. Und  diese und deren  Kinder werden
in Zoos und  Reservaten knstlich aufgezogen  und mit  Hilfe des
Menschen am  Leben erhalten.  Aber  sie wollen  doch nicht  etwa
abstreiten,  da  der   letzte  Eisvogel  ein   Lebewesen  ist?"
                                                                
Ich nickte,  suchte aber  noch  nach einem  besseren Grund.  Ich
fand einen:  "Es  gibt noch  eine  philosophischere Lsung:  Das
Universum mu ja  ganz bestimmte Vorraussetzungen  erfllen, da
Leben  in  ihm  mglich  ist.  Das  heit,   in  jedem  gengend
komplexen Universum  ist,  wie  wir vorher  zumindest  definiert
haben, Leben  mglich,  aber  natrlich  nur auf  eine  Art  und
Weise, die fr jedes der Universen absolut  typisch ist. Nun ist
mein Gedanke: Wenn wir das Universum der  beiden Zellen nicht im
Automaten, sondern auch  in uns  definieren, uns  also zum  Teil
der Welt der  Zellen machen,  dann ist  unser Eingriff  erlaubt,
sogar gefordert." Alle nickten  zufrieden, und Koch  machte sich
sofort  daran,   mit   dem  Mikroskop   geeignete   Futterpltze
ausfindig zu machen. Frey  sagte andchtig: "Wir sind  der Gott,
der den Israeliten in  der Wste das Manna  schickt... ich halte
nicht viel von alten  Geschichten, aber in dieser  Situation ist
die bereinstimmung erstaunlich."  Ich lchelte, sagte  ihm aber
nicht,  da  Manna  durchaus  einen  natrlichen   (statt  einen
bernatrlichen) Ursprung hat.                                  
                                                                
Allerdings hielt  ich  es  fr  ntig,  die  'Gtter'  auf  ihre
Grenzen hinzuweisen. Der Gedanke war zwar  beeindruckend, und in
gewissem Sinne  auch  richtig,  aber  ich wollte  jede  Art  von
Grenwahn vermeiden, denn auch ich selbst  sprte bereits einen
unheimlichen Stolz und  ein unglaubliches  Machtgefhl. "Es  ist
wahr", sagte ich,  "Fr dieses  Universum sind  sie die  Gtter.
Sie haben  es  geschaffen,  und  haben  in  jedem  Aspekt  Macht
darber. Sie  knnen es  mit wenigen  Schaltern zerstren.  Aber
diese Macht und  dieses Schaffungsvermgen  bezieht sich  allein
auf den Automaten,  vergessen sie das  nicht. Denken  sie daran:
Das  Wesen  ihres  Automaten   ist  ihnen  selbst   noch  hchst
ungewi !"                                                      
                                                                
Frey und  Koch  schauten mich  kurz  skeptisch  an, Frey  wollte
etwas erwidern,  doch dann  drehte er  sich gedankenverloren  um
und erschrak pltzlich. Er  ri Kochs Ellbogen von  der Maus und
herrschte "Passen sie auf sie Idiot !".  Koch zuckte erschrocken
zurck murmelte  rasch  "Entschuldigung...".  Hektisch  stritten
sie ber  die Vernderungen  die Koch  aus Versehen  vorgenommen
hatte. "Ich  habe  die Buttons  nie  gedrckt" verteidigte  sich
Koch  heftig   und   schob  Frey   weg,   der  am   Hauptmonitor
herumfingerte und schimpfte: "Hier, was soll  dieser Futterfleck
! Schau  was  du  angerichtet  hast !"  Sie  betrachteten  einen
grnen Punkt  der  Mitten  in  der schwarzen  Schwanzzone  einen
kleinen Wasserfall  aus  bunten  Pixeln ausgelst  hatte.  "Was,
wo... ach  das,  das hat  das  Programm  gesetzt..." "Egal,  das
Programm  ist  auch  von  Dir  !"  "Na   und,  wir  haben  genau
vereinbart, da wir  in unmittelbar  isolierten Flecken  Energie
setzen !"  "Nennen sie  das unmittelbar  isoliert ?  Das ist  ja
eine Flche von fast 10000  Pixeln die da betroffen  ist !" "Ja,
aber schauen  sie, jetzt  ist  der Fleck  wieder  stabil !"  Sie
maulten noch ein wenig  weiter und hrten bald  auf zu streiten,
aber die Lage blieb angespannt.                                 
                                                       
                                                                
Die Entwicklung  der Kindzelle  nherte  sich ihrem  Endstadium.
Die Nabelschnur war nur  noch etwa 400 Zellen  lang, dann endete
sie und  ging in  die leere  Spur hinter  der Mutterzelle  ber.
Hier lag  auch der  groe grne  Fleck  ber den  Koch und  Frey
gestritten hatten. In der Zwischenzeit hatten  Mermund und Higgs
den Rest  des Schwanzes  genau  vermessen, und  waren selbst  in
eine heftige Diskussion geraten. Ich fragte nach  dem Grund, und
sie  sagten  mir,  da  sie  sich  nicht  einig  waren,  ob  die
Erbinformation lang genug  war. "Wir  verstehen ihre  Strukturen
noch nicht im Detail", sagte Mermund, "aber aus  dem was wir bis
jetzt beobachtet haben,  glaube ich  vorhersagen zu knnen,  da
der Schwanz fr die Kindzelle nicht lang genug  ist. Es wird ein
Teil des Gehirns  fehlen." "Das  halte ich  fr Bldsinn",  warf
Higgs ein, "Die Mutterzelle  hat sich komplett  abgerollt, wieso
sollte die Information  fr das  Gehirn fehlen  ?" "Dann  zeigen
sie mir doch  WO sich diese  Information befinden soll  !" Higgs
zuckte mit  den Schultern  und winkte  vage ber  das Ende.  "Es
wird sich  ja  in  12000  Schritten  herausstellen."  sagte  er.
Mermund zuckte ebenfalls  mit den  Schultern. "Wenn sie  meinen,
es gbe  sowieso  nichts,  was  ich gegen  eine  Mibildung  tun
knnte !"                                                       
                                                                
Eine unheilige  Stille trat  ein.  Die Luft  war sprbar  dicker
geworden. Ich  rusperte mich  und sagte  ruhig: "Meine  Herren,
ich glaube  ihre  Meinungsverschiedenheiten basieren  nicht  auf
den Problemen selber, sondern  lediglich auf ihrer  Ungeduld. Es
hat keinen Zweck, wenn sie sich auf  den Geist gehen. berdenken
sie die Wichtigkeit  ihrer Probleme noch  einmal, bevor  sie sie
zur Sprache  bringen.  Sie  sitzen  hier  an  einem  gemeinsamen
Projekt, das ihre  Zusammenarbeit erfordert !"  Higgs schnappte:
"Ich bin mir nicht sicher, ob sie in  der Lage sind, das Gewicht
unserer  Meinungsverschiedenheiten  zu  erkennen  !"  Mit  einer
Handbewegung machte ich  ihm deutlich, da  ich genau  diese Art
von   Bemerkung   fr    berflssig   hielt.   Frey    murmelte
beschwichtigend: "Gut, machen wir also weiter."  Alle beruhigten
sich etwas und gingen wieder an die Arbeit.                     
                                                                
Die unmittelbare  Abtrennphase  stand  bevor. Das  Gefhl  eines
endlosen  Plateaustadiums  vor  dem  Orgasmus,   die  unendliche
Spannung, die  einen an  die Kante  des Sessels  bei einem  Film
treibt wurde  jetzt strker  denn  je zuvor.  Niemand sagte  ein
Wort, nur  ab  und  zu deutete  Frey  stumm  auf etwas  auf  dem
Hauptkontrollmonitor das Koch mit einem Nicken  registrierte und
behandelte. Die  Mechanik  des  Automaten war  interresant.  Die
Gesetze von Beschleunigung,  und Erhaltung der  Bewegungsenergie
spielten im Universum  des Automaten keine  Rolle. Es  gab keine
Geschwindigkeit, keine Richtung, keine Kraft. Alles  schien sich
nur zu bewegen, unsere Augen versuchten  uns Dinge vorzugaukeln,
um  uns   die  unglaublich   fremdartige   Welt  des   Automaten
begreiflich zu machen. Wenn irgendwo ein farbiger  Punkt war, so
war er dort gefangen,  statisch. Das einzige was  er tun konnte,
war  die   Punkte   in   seiner  unmittelbaren   Umgebung   dazu
veranzulassen sich auf eine  bestimmte Weise zu  verndern. Wenn
wir also sagten  die Mutterzelle  bewegte sich  auf den  unteren
Rand zu, so war das  nur die Beschreibung fr  einen Vorgang wie
er uns erschien.  Es hatte aber  recht wenig mit  den wirklichen
Mechanismen zu  tun,  die  die Masse  der  Zellen  die das  Tier
bildeten dazu veranlassten  sich doch  recht geradlinig in  eine
Richtung zu  bewegen. Ebensogut  konnte  es pltzlich  umkehren,
oder zitternd auf  einer Stelle  stehen bleiben und  verhungern.
Man knnte  die  Fortbewegung nmlich  damit  erklren, da  das
Tier sich fortbewegen  mute, damit  es genung Energie  aufnahm.
Aber ein solches  Verhalten (und  eigentlich jede beliebige  Art
von  Verhalten)   wre   nur   durch  Evolution   zu   erklren.
                                                                
Ich mu sagen, je lnger  ich in diesem Raum war,  und je lnger
ich die  Wand  mit  den  jetzt  zwei  Wesen  beobachtete,  desto
fragwrdiger erschien mir die ganze Situation.                  
Selbstverstndlich war der  Gedanke lcherlich,  aber knnte  es
vielleicht  sein,  da  dies  alles  nur  ein   Spiel  war,  und
irgendjemand ein  kleines  Experiment mit  mir  anstellte ?  Der
Gedanke erschien  mir sofort  selbst  absurd, und  wenn ich  die
angestrengten, verschwitzten  Gesichter der  Forscher sah,  dann
wute  ich,  dies  war  wirklich,  es  war  unrealistisch,  aber
wirklich. Dieses  Ding,  dieses  Tier  war  tatschlich  spontan
entstanden, ein gewaltiger Sprung von der  Ursuppe zum Eizeller,
ohne Anpassung, ohne Evolution. Wenn man  die Wahrscheinlichkeit
fr  diese  Situation  ausrechnen  wollte,  so  msste  man  die
Logarithmen statt der Zahlen verwenden.                         
                                                                
Der  letzte  Rest  der  Erbinformation  wurde  verschluckt.  Der
Vorgang dauerte etwa  zehn Minuten,  wenn ich  noch in  der Lage
war in diesem  Raum, in  dem Tag und  Nacht keine  Rolle spielte
die  Zeit  abzuschtzen.  Ich  sage  wohl  besser,  der  Vorgang
brauchte etwa 48000 Schritte.  48000. Ja, das  knnte hinkommen.
Diese Zahl wirkte beruhigend  auf mich. Eine Vielzahl  von 48000
Schritten,   und   nach    jedem   ist    das   Ergebnis    zwar
vorrausrechenbar, aber  nach  zwanzig  davon ist  es  vollkommen
offen, und  kann  im Kopf  nicht  mehr  abgeschtzt werden.  Ich
konnte  mir  sagen,  da  dies  genug   Mglichkeiten  ergab  um
Geschehnisse von der Art  mglich zu machen, wie  wir sie soeben
auf dem Schirm beobachteten.                                    
                                                       
                                                                
Was   geschah   war   folgendes:   Die    rotierende   Kindzelle
verschluckte die  letzten  der  roten  Zellen.  Mermund  schaute
Higgs von  der  Seite  mit  einer  Mischung  aus  Entsetzen  und
Triumph an, Higgs starrte unglubig und gebannt  auf den Schirm,
nicht  bereit   auf  Mermund   zu  reagieren.   Frey  und   Koch
beobachteten den Vorgang durch das Mikroskop. Auch  ich sah, was
sie so in Aufregung  versetzte: Ein kleiner Spalt  in der blauen
Membran blieb  offen,  ein winziges  Delta,  in  dem die  letzte
Erbinformation versickerte. Higgs  murmelte: "Es wird  ein Nabel
sein. Warum auch nicht ? Die Zelle  ist geschlossen, die Membran
ist  geschlossen."  "Ich  finde,  sie  mu  dicker  sein."  warf
Mermund  ein.   Higgs  weigerte   sich   darauf  zu   antworten.
                                                                
Fr eine gewisse Zeit  war es vllig ungewi,  was die Kindzelle
machen wrde.  Sie  blieb auf  der  Stelle  sitzen, und  waberte
unschlssig ein bichen in alle Richtungen.  Doch endlich begann
sie sich  in  die  Spur der  Mutterzelle  zu  ergieen. Wie  ein
Tropfen Sirup flo  sie in  die schwarze  Spur. Aber  ich betone
noch einmal,  das es  nur so  schien. Der  Grund, da  sie diese
Richtung whlte, war vielleicht eine Art  Querdruck der bunteren
Masse oberhalb und  vor allem  links und  rechts der  Kindzelle.
Ich will sagen, da  es fr die  Pixel der Zelle  am einfachsten
(am wahrscheinlichsten)  war sich  in die  freie, schwarze  Spur
fortzubewegen.                                                  
                                                                
"Vielleicht hat  sie  auch  das  Futter gerochen"  meinte  Higgs
nicht  ganz  ernst,  und  spielte  damit  auf   den  immer  noch
erstaunlich intensiven Fleck von  Grn an, der in  der Mitte der
Bahn sa und ber den sich Koch und  Frey gestritten hatten. Die
Stimmung, die durch die Bemerkung wieder  etwas gelockert wurde,
fror ein,  als  deutlich  wurde,  da  die  Kindzelle  natrlich
direkt auf  den  grnen  Fleck  stoen  wrde,  wenn  sie  diese
Richtung beibehielt. Das  wre nmlich  das erste  Mal, da  die
Zelle eindeutig  mit  einem  knstlich eingebrachten  Objekt  in
Berhrung kam.  Hinterher  fllt  mir folgender  Vergleich  ein.
Wenn wir lange Zeit von der Sonne beschienen  werden, so tut uns
das  gut.   Wenn   wir  aber   die   geballte  Strahlung   einer
Wasserstoffbombe  auf  einmal  abkriegen,  so  haben  wir  wenig
berlebenschancen. Und  genauso war  es  hier. Kleine,  einzelne
Punkte Grn dienten als  Futter, aber was wrde  geschehen, wenn
die Zelle sozusagen 'berdngt' wurde ?                         
                                                       
                                                                
Die Zelle prallte  auf den Energietopf.  Ich sage  prallte, weil
der Vorgang  nur  etwa  20000  Zyklen dauerte.  Das  sind  nicht
einmal  fnf  Minuten.  Der  Vergleich  mit  dem  Geschlechtsakt
stimmt jetzt nicht  mehr. Wir  erlebten keinen Orgasmus,  jetzt,
da  endlich  etwas   passierte,  sondern  einen   Autounfall  in
Zeitlupe, bei dem wir erst in den  letzten Millisekunden merkten
da es  einer war,  und  bei dem  selbst hinterher  unglaubliche
Ungewiheit herrschte ob  man tot war  oder berlebt  hatte. Mit
ungeheurer, rasender  Zhigkeit  und  Geschwindigkeit  flo  die
Zelle auf den grnen Fleck  zu. Sobald sie ihn  berhrte, kam er
wie ein komplemetrer  Magnet in Bewegung.  Er fra sich  in die
blaue Zellwand und lste eine groe Zahl  bunter Reaktionen aus.
Die Zelle flo um den  Fleck herum und schlo ihn  in eine blaue
Blase ein. Auf der  anderen Seite ffnete sich  die Zelle wieder
und spie  den geschmolzenen  grnen Fleck  aus, so  da wir  uns
alle ein schmatzendes Gerusch  einbildeten. Es war  nicht real,
aber es war das einzige Gerusch im Raum.                       
                                                                
Die Zelle  hatte eine  bunte  Narbe durch  ihre  Mitte. Wie  ein
wucherndes Geschwr  zappelte  und  wuselte  es  im  Innern  der
Zelle. Sie torkelte drehend  ihren Weg entlang, zuckend  und wie
unter  Krmpfen.  Fassungslos  starrten  wir  gebannt   auf  die
Monitore. Es war mir jetzt unmglich noch  daran zu glauben, da
ich einem  linearen  Computerprogramm  zuschaute.  Ich  sah  dem
berlebenskampf eines  gerade entstandenen  Einzellers zu.  Aber
es  war  uerst  ungewi,  ob  der  Einzeller   auch  ohne  die
Verwundung berlebensfhig gewesen  wre, denn Mermund  hatte ja
einen Defekt in der Erbinformation  behauptet. Schuldzuweisungen
waren unntig und  vollkommen nutzlos. Hilflos  beobachteten wir
das Geschehen auf der Wand.                                     
                                                                
Zgernd  fingen  die  Forscher  an,  das  Wesen   der  Wunde  zu
untersuchen. Es  war, als  ob  ein Arzt  versuchen wrde,  einen
Patienten zu  heilen,  dessen  Anatomie ihm  praktisch  gnzlich
unbekannt war, und  der von  einer Krankheit  befallen war,  von
der noch nie  jemand etwas gehrt  hatte. Eine  Enttuschung und
Spannung fllte  den Raum  so dicht,  da ich  meinte, ich  wre
davon eingeschlossen  und  unbeweglich. Endlich  versuchte  Frey
das zu  sagen, was  schon lange  in der  Luft hing,  aber dessen
Schallwellen   Minuten   brauchten   um   mich   zu   erreichen.
                                                                
"Berned", keuchte  Frey, "Egal  was passieren  wird... dies  ist
doch der  Beweis,  da..." Er  stockte.  Ich  blieb stumm.  Frey
sprang pltzlich auf, beugte  sich, ja warf sich  praktisch ber
den Tisch, packte mich  beim Kragen, und schrie  mich an: "Jetzt
sagen sie  doch endlich  was wir  alle schon  lange wissen  ! Es
lebt, verdammt nochmal  ! Es  lebt, geben sie  es endlich  zu !"
Mde schttelte ich ihn  ab, so da  er sich unbeholfen  auf dem
Tisch absttzen  mute.  Ich  setzte  mich,  und  ergriff  meine
Kaffeetasse, mehr als  theatralisches Instrument,  als um  daran
zu nippen.  Ich nickte  mde. "Ich  sage es,  nicht mit  letzter
Gewi... nein, ich glaube es auch: Das  ist ein Lebewesen, gegen
die Regeln aller  Vernunft und aller  Statistik. Aber  seien sie
froh und danken sie  mir. Denn htten  sie auer mir  noch einen
Statistiker herbestellt,  so  wrden  wir jetzt  bestimmt  immer
noch einen  Haufen  bunter Pixel  betrachten,  statt die  ersten
synthetischen Lebewesen berhaupt."                             
                                                                
Es war,  als htte  ich einen  gordischen Knoten  durchschlagen.
Alle schienen  sich zu  entspannen,  und endlich  festzustellen,
da sie unglaublich ungeheuerlich  mde waren. Alle  gossen sich
ihre  Tassen  voll,  und  betrachteten  und   dachten  ber  das
Geschehen auf dem Bildschirm weiter nach, mit  grter Sorge und
erleichterter Trauer. Mit  meiner endgltigen Beurteilung  hatte
ich die  Wand  mit ihrer  flimmernden  digitalen  Welt zu  einem
Mitglied im Raum gemacht. Wir waren jetzt  sieben Personen statt
fnf.                                                           
                                                       
                                                                
Die Zelle  taumelte  weiter, ruckartig,  ich  mchte fast  sagen
ruckartig digital,  wie  ein  Computer der  einen  Wackelkontakt
hat. Ich habe noch nie einen Computer  mit Wackelkontakt gesehen
(vermutlich gibt es so etwas berhaupt nicht),  aber so wie das,
was auf  dem Schirm  ablief, stelle  ich ihn  mir vor.  Nebenher
versuchte Higgs einige  Gleichungen aufzustellen, die  aufzeigen
sollten,  ob  die   Zelle  ein  Immunsystem   hat,  und   ob  es
funktionierte. Mermund und Frey schauten ihm  ber die Schulter,
aber bald sahen  alle drei ein,  da die Grundlage  dieser Terme
nicht die Mathematik sondern ihr Wunschdenken war,  und es wurde
ihnen immer klarer, da  sie nichts tun konnten,  als zuschauen.
                                                                
"Vielleicht...", murmelte  Mermund  zgernd,  "vielleicht  fngt
die  Mutterzelle  nocheinmal  an  einen  Erbschwanz   zu  bauen.
Dann..."  Niemand  erwiderte  etwas.  Die  Mutterzelle  wackelte
weiterhin fast unbeirrbar, und in der Weise wie  sie es seit dem
'Abnabeln' getan hatte, auf  den unteren Rand zu,  und war jetzt
noch etwa 2000  Pixel davon entfernt.  "Ich meine, sie  hat sich
ja kaum  verndert,  seit  dem  Abnabeln."  hakte  Mermund  nach
einigen Minuten nach. Koch sagte: "Nein,  ...aber vielleicht war
es  ja  eine  gewisse   Konstellation  roter  Zellen,   die  die
Schwanzbildung berhaupt angeregt hat." Alle auer  mir starrten
ihn wtend an.  Frey keifte:  "Seien sie  blo ruhig,  sie haben
uns diese  Schlamassel  ja berhaupt  erst  eingebrockt !"  Frey
wute, da  er kaum  Recht  hatte, und  alle  anderen wuten  es
auch, aber der  Vorwurf gegen Koch  hing fast greifbar  im Raum.
Es war eine Entschuldigung fr die traurigen  Ereignisse auf dem
Schirm.                                                         
                                                                
Wieder nach einer  Weile angespannten Schweigens  murmelte Frey:
"Man knnte ja eigentlich sagen,  da wir es hier  mit einer Art
Krebsgeschwr zu tun  haben... oder nicht  ? Und ich  meine, was
macht ein Arzt mit einem Krebsgeschwr ?"  Er machte eine Pause.
"Er schneidet  es heraus  !".  "Herausschneiden ?  Wie soll  das
funktionieren ?", fragte  ich trge, "So  wie ich das  sehe, ist
die Verwundung  doch eng  mit  dem brigen...  Gewebe der  Zelle
verbunden. Ich  kann keine  genauen Rnder  erkennen." Frey  war
jetzt begeistert  von  seiner  Idee.  "Ja,  aber  ich  kann  zum
Beispiel  sagen,  das   hier  hat  nicht   mehr  viel   mit  der
ursprnglichen Zelle zu tun."  Er zeigte auf eine  Art Knoten in
der schillernden Wunde.  "Mit dem Mikroskop  knnte man  den Ort
genau bestimmen,  und Zellen  sorgfltig  lschen." "Lschen  ?"
fragte ich  skeptisch.  "Naja,  ersetzen,  ich wrde  sie  durch
schwarze Zellen ersetzen."  erklrte Frey. Die  anderen schauten
interessiert herber. Sie wrden sich an jeden                  
Hoffnungsschimmer klammern.                                     
                                                                
"Ich wei  nicht, das  hrt  sich riskant  an.", sagte  Mermund,
"wir sollten  abstimmen." "Gut,  stimmen  wir also  ab !",  rief
Frey, "Ich bin dafr ! Higgs ?" Higgs  berlegte. Dann sagte er:
"Ich  bin  auch   dafr.  Ich   glaube  nicht,   da  wir   viel
kaputtmachen knnen." Mermund sagte:  "Ich bin dagegen.  So weit
ich wei, sind  wir in diese  Situation erst  durch Einflunahme
gekommen, das hat es  jedenfalls vorher geheien."  Koch nickte:
"Ja,  ich   weigere   mich   fr   diesen   gezielten   Eingriff
irgendwelche Verantwortung  zu  bernehmen."  "Also  gut",  rief
Frey, "Dann liegt es an ihnen Professor !"                      
                                                                
Ich dachte nach. Alles war besser als  abzuwarten was passierte.
Ich nickte. "Wenn der  Eingriff schlimmere Folgen hat,  als wenn
wir  die  Zelle  in  Ruhe  lassen  wrden,   was  wir  hinterher
natrlich nicht mehr  feststellen knnen,  dann mchte ich  auch
ungern dafr  verantwortlich  gemacht  werden.  Aber  ich  hoffe
einerseits, da nicht mehr viel kaputt gemacht  werden kann, und
andererseits ..."  Ich nannte  meinen  zweiten Bewegrund  nicht,
sondern   sagte    nur    noch:    "Ich   bin    auch    dafr."
                                                                
"Gut  !"  rief  Frey  immer  noch  aufgeregt,   und  schob  Koch
ungeduldig von seinem  Sitz und nahm  ihn selbst ein.  Er machte
sich sofort an die  Arbeit. Fragend deutete er  auf den Monitor,
wenn er an einer  Stelle nicht mehr weiterkam,  und gleichgltig
deutete Koch  auf  die  richtige  Wahl. Wir  beobachteten  Freys
chirurgischen Eingriff auf dem Mikroskop. Er  hatte vor einzelne
schwarze Pixel  in den  Knoten zu  setzen. "Hier  ?" fragte  er,
"oder hier ?"  Auf dem Notebook  konnten wir, durch  ein kleines
Kreuz markiert  beobachten,  wo  der schwarze  Punkt  hingesetzt
werden wrde. Ich  sah auer dem  knstlichen noch  viele andere
schwarze Punkte.  Es  war  unwahrscheinlich,  da  das  Vorhaben
berhaupt einen Effekt  haben wrde.  "Jetzt machen sie  endlich
!" sagte ich. Er setzte  den Punkt, aber es  war praktisch nicht
sichtbar, denn  natrlich wurde  er  sofort 80  mal pro  Sekunde
berschrieben.  "Ein  Chirurg  schneidet  doch  auch  nicht  nur
einzelne Zellen,  sondern die  ganze Wucherung  heraus !"  sagte
ich ungeduldig.  "Na  gut..."  murmelte  Frey. Er  grerte  das
Kreuz, so  da  es einen  quadratischen  Bereich einschlo,  und
lschte alle darin befindlichen Zellen.                         
                                                                
Diesmal war es zwar  deutlich sichtbar, aber innerhalb  von zehn
Sekunden war  die Stelle  wieder  vollstndig berwuchert.  Frey
stie einen verhaltenen Fluch aus. Mermund sagte:  "Wir haben in
der Zwischenzeit  etwas  bersehen.  Die Kindzelle  bewegt  sich
nmlich viel schneller  als die Mutterzelle.  Ich glaube  es ist
nur eine Sache der Zeit, bis sie sie  erreichen wird !" Er hatte
Recht.  Die  Mutterzelle   hatte  den  unteren   Rand  praktisch
erreicht, und die Kindzelle, hatte den Weg  zwischen ihr und der
Stelle  ihrer  Geburt  in  etwa  der  doppelten  Geschwindigkeit
zurckgelegt. Der  Abstand betrug  jetzt noch  etwa 7000  pixel.
Ich schtzte, da der Zusammensto in etwa  20 Minuten passieren
wrde.  Was  wrde  dann  passieren  ?   Wrde  die  Mutterzelle
angesteckt ?                                                    
                                                                
"Vielleicht...  wre  es  das  Beste,  wenn  wir  die  Kindzelle
zerstren  wrden...  es   ist  noch   nicht  gesagt,  da   die
Mutterzelle nicht noch  einen weiteren Nachkommen  bilden kann."
sagte  Higgs  geqult.  "Nein",  rief  Frey,   "ich  werde  kein
Lebewesen tten wenn es  nur zwei von  seiner Art gibt  !" "Aber
wenn es dem Tode geweiht ist, und die  Mutterzelle gleich mit in
den Tod  reit ?  Dann sind  beide verloren  !" Frey  schttelte
heftig den Kopf. "Es  mu eine andere Mglichkeit  geben. Knnen
wir die  Kindzelle denn  wirklich  nicht heilen  ?" Sie  dachten
angestrengt nach.  Mermund  sagte: "Ich  finde  wir haben  schon
genug eingegriffen. Wir sollten abwarten was  passiert. Das hier
ist unsere Welt,  und wir bestimmen  die Gesetze. Wenn  wir aber
einmal anfangen  sie  zu  beobachten,  dann  sollten  wir  dabei
bleiben. Denn  ein  Wissenschaftler  der die  Gesetze  verndert
anstatt  sie  zu  beobachten,  ist  kein  Wissenschaftler  mehr,
sondern ein  Bastler." Ich  nickte. "Mermund  hat Recht.  Warten
wir einfach  ab." Frey  warf ein:  "Aber die  Situation wie  sie
jetzt  ist   wurde   doch   genauso   durch   unseren   Eingriff
geschaffen." Ich schttelte den Kopf. "Das  ist nicht bewiesen."
Frey suchte noch  kurz nach  einem weiteren  Argument fr  einen
Eingriff, aber  er  war  zu mde,  um  noch  lnger zu  kmpfen.
                                                                
Im Grunde  war es  unser  aller Wunsch  endlich  etwas Ruhe  und
Frieden  zu  finden.  Die   letzten  Stunden  hatten   uns  sehr
angestrengt, und  unsere  Nerven  benansprucht.  Unsere  Schdel
brummten, da ich  das Pulsieren fast  sehen konnte,  und unsere
Finger zitterten stark  von den  Koffein-berdosen die wir  nach
und nach  eingenommen  hatten. Ich  wei  nicht  wie ich  selbst
aussah, aber die  Anderen hatten  dunkle Ringe  unter den  roten
Augen.                                                          
                                                       
                                                                
Die Kindzelle  holte die  Mutterzelle ein.  Die Kindzelle  stie
mit  der  Mutterzelle  zusammen.  Ihre   Zellwnde  zerschmolzen
langsam, dann zunehmend schneller, und als  sie sich gegenseitig
durchflossen  hatten,  begannen  sich  die  Inhalte  der  beiden
Zellen miteinander  zu vermischen.  Insgesamt  hielten sie  ihre
Richtung bei, und  fast die Hlfte  der Mutterzelle  war bereits
ber den  Rand  auf  die  obere Seite  des  Monitors  gekrochen.
Fassungslos starrten  wir abwechselnd  auf den  oberen und  dann
auf den  unteren Teil  des  Schirms. Ich  kann  mich nicht  mehr
genau erinnern, was nacheinander whrend der  Auflsung geschah.
Die Organe  der beiden  Zellen verschmolzen  zuerst, doch  nicht
unbedingt mit ihren Gegenstcken  in der jeweils  anderen Zelle,
sondern willkrlich mit  Vakuolen oder gelben  Gehirnzellen oder
worauf sie eben  stieen. Die  bunte Krankheit, die  tatschlich
wie eine  Bakterienkultur im  Krper der  ersten Zelle  wuselte,
griff schnell  auf  die  andere  Zelle ber  und  strtzte  ihre
Strukturen  ins  Chaos.  Immer  unzusammenhngender  wurden  die
Formen der beiden Zellen, und an den  meisten Stellen hatte sich
die Membran  bereits aufgelst  und die  Organe dem  Grundplasma
ausgesetzt.   Unmerklich   aber   offensichtlich    wurden   die
Strukturen der Zellen weniger erkennbar.                        
                                                                
Und dann kam der  Zeitpunkt, an dem  von den Zellen  nichts mehr
brig war. Der  Bildschirm rotierte und  waberte ruhig  vor sich
hin, aber nichts  mehr zeugte  von den  Ereignissen der  letzten
Stunden, auer eine  geringfgig dunklere  Spur am unteren  Rand
des Bildschirms.  Aber selbst  das konnte  Einbildung sein,  und
wie ein  Nachleuchten  auf  der  Netzhaut  ein  Nachleuchten  im
Gedchnis. Keiner  sagte  etwas.  Dann  endlich hrte  ich  Koch
leise schluchzen. Higgs hielt  den Kopf zwischen den  Hnden und
starrte angestrengt  durch  den  Tisch  auf den  Boden.  Mermund
versuchte nirgendwo hinzuschauen. Frey schttelte den  Kopf. Mit
einen Schlucken  murmelte er:  "Meine  Kinder... meine  Kinder".
Verzweifelt suchte er  den Monitor  nach Spuren  der Zellen  ab,
vergeblich.  Ich   merkte   erst   hinterher,  da   ich   meine
Kaffeetasse so schrg hielt,  da mir Kaffee aufs  Knie tropfte.
Ich glaube  mich  erinnern zu  knnen,  da  Freys Augen  feucht
schimmerten.                                                    
                                                                
                             Teil 3                             
                                                     
                                                                
Ich wei nicht mehr, wie ich mich  verabschiedete und nach Hause
fuhr. Es mu  mitten in  der Nacht  gewesen sein,  vielleicht um
halb drei. Meine  Frau lag  schon im Bett  und schlief,  und als
ich am nchsten  Morgen aufwachte, kam  mir alles wie  ein Traum
vor. Hatte Homann mich tatschlich gestern  morgen angerufen und
so schnell wie mglich in die Uni bestellt  ? Ich wute es nicht
mehr, und vermied  es, meine Frau  danach zu fragen.  Wie blich
fuhr ich um die normale Uhrzeit zur Uni  und gab eine Vorlesung.
Aber  irgendwie  war  ich  unkonzentriert,  und   die  Studenten
schauten mich an, als ob sie etwas  anderes erwarteten als einen
Text ber  Gruppendynamik in  verschieden  groen Gruppen.  Mein
Vortrag  wurde  immer  langsamer,  und  schlielich   hielt  ich
vollstndig stockend an.                                        
                                                                
Ich entschuldigte  mich  kurz  und  hastete mit  einer  gewissen
Ahnung zum  Informatikbau.  Die  Tren  standen  offen,  und  es
schien normaler Verkehr zu herrschen. Ich ging  in Richtung Raum
UII.A5/2, und die  Menge der  Leute die  kamen und  gingen wurde
dichter. Direkt  vor dem  Raum war  eine dichte  Menschentraube,
aus der mir  mehrere Leute  etwas zuriefen.  Aber wie  in Trance
ignorierte ich sie  alle und  bahnte mir einen  Weg in  den Raum
selbst. Der  Trrahmen  wirkte  wie  ein  Gitter  im  Zoo,  denn
dahinter fand  ich lediglich  Frey und  seine drei  Mitarbeiter,
die in dem  selben Zustand  waren in  dem ich  sie in  der Nacht
verlassen haben mute. Sie schienen schon ewig  in dem Zimmer zu
vegetieren und ihre  Kaffeetassen in der  Hand zu  drehen. Higgs
hatte die Wache bernommen,  nicht weil es Sinn  machte, sondern
aus  Prinzip,  aus  dem  Grund  aus  dem  man  alte  Traditionen
beibehlt. Als Frey mich  sah, schaute er  aus blutunterlaufenen
Augen auf und schttelte  langsam den Kopf. "Es  hat sich nichts
mehr getan."  Ich nickte,  sagte aber  nicht, da  mir das  klar
war. Der Hauptmonitor zeigte eine fast  homogene Masse digitalen
Plasmas. Der  Automat wrde  noch Jahre  weiterlaufen, bevor  er
endlich in  stabilen  Konfigurationen  erstarrte, und  bis  dann
wrden Frey und seine  Leute hier sitzen und  darauf warten, da
die Zelle zurckkam.                                            
                                                                
So leise und vorsichtig  wie mglich sagte ich:  "Sehen sie doch
ein, da es keinen Zweck  mehr hat Frey. Hren sie  auf, auf den
Automaten zu starren, es  wird nichts mehr passieren.  Sie haben
so viel neues  Material und neues  Wissen gesammelt.  Machen sie
sich an  die  Auswertung.  Bereiten  sie  eine  Verffentlichung
vor." Selbstverstndlich konnte ich  nicht sagen, ob  nicht doch
wieder eine neue  Zelle entstehen  wrde. Vielleicht  war es  ja
so. Ich  mu zugeben,  ich  war selbst  ein  wenig unsicher  und
zgerte,  als   ich   Frey   aufforderte   Schlu   zu   machen.
Wahrscheinlich dachte ich  an meine  Jugend und  die Qualen  vor
dem Fernseher, die am besten durch eine  Macht von auen beendet
wurden.   Fr    Frey    wrde    ich    diese    Macht    sein.
                                                       
                                                                
Frey und seine  Leute hielten sich  an meine  Aufforderung, aber
nur langsam. Noch  Tagelang blieben  sie vor  dem selben  Schirm
sitzen  und  warteten.  Dann  gaben  sie  sich  einen  Ruck  und
starteten ihn neu.  Als nach  einer Woche  nichts passiert  war,
starteten sie ihn wieder neu. Mit der  Zeit lieen ihre Versuche
nach, denn  die Unttigkeit  zu  der sie  verdammt waren  machte
ihnen mehr  zu  schaffen,  als  da der  Automat  leblos  blieb.
Schlielich waren  sie Wissenschaftler  im produktivsten  Alter,
und sie waren nicht  dumm und merkten  bald von selbst,  da sie
einem ungewissen Ziel  nachrannten. In  der gezielten  Erzeugung
knstlichen Lebens waren  sie so  weit wie  vor der  Erschaffung
der Zellen.                                                     
                                                                
Aus den Zetteln,  den Ausdrucken  und den  Markierungen auf  der
Plastikfolie ber  dem Hauptschirm  sammelten  und ordneten  sie
alles Wissen,  das  sie von  den  zwei  Tagen Knstliches  Leben
hatten. Es  war  ungeheuer viel  Material.  Sie konnten  uerst
viele  Verffentlichungen  fertigstellen,  aber  es   gab  groe
Probleme sie in den  Zeitschriften unterzubringen. Die  Welt der
Informatiker, Philosophen  und Biologen  spaltete  sich in  zwei
Lager  -  die  die  Frey  glaubten,  und   die,  die  alles  fr
erfundenen Schwachsinn  hielten.  Selbst  Frey und  seine  Leute
waren sich selbst gegenber sehr skeptisch,  und Higgs verfasste
eine Arbeit mit dem  Titel 'Die exakte  Unwahrscheinlichkeit des
Freyschen Tieres'. Einige  der Strukturen  die wir  in dem  Tier
beobachtet  hatten  konnten  wiederbelebt  werden,  und  knnten
vielleicht eine Rolle in der Bioinformatik  finden, zum Beispiel
die  Simulation  von  Botenstoffen.  Auf  jeden   Fall  gab  das
Freysche Tier  dem Bereich  Knstliches  Leben einen  ungeheuren
Sto in verschiedene  Richtungen, und  whrend Freys Gruppe  von
den  einen  gefeiert   wurde,  wollten   die  anderen  von   den
Scharlatanen  nichts  wissen.  Stockholm  enthielt  sich  weise.
                                                                
Ich selbst  half der  Gruppe  bei einigen  ihrer Arbeiten,  wenn
auch zgernd. Hatte ich auch alles selbst  und mit eigenen Augen
miterlebt,  so  war  die  Grundungewiheit  nie   ganz  aus  mir
gewichen. Ich sorgte dafr,  das die Texte, noch  mehr als schon
der  Fall  war,  klarstellten,  das  die   Beobachtung  und  die
Folgerung getrennt waren,  und wahrscheinlich nicht  nachprfbar
waren,  solange  die  Simulation  nicht  erfolgreich  wiederholt
werden konnte.  Dies  war  eines  der  groen  Ziele  von  Freys
Anhngern,   und   es   wurden   riesige   Computersysteme   mit
Terabyte-Speichern verwendet um Freys Automat laufen  zu lassen.
Allerdings waren die  Besitzer dieser Supercomputer  nicht immer
Frey-Fans, und so wurde der Automat an  vielen Universitten der
ganzen  Welt   als   Spiel   deklariert  und   somit   verboten.
                                                                
Es gelang  bis zum  heutigen  Tag nicht,  das  Freysche Tier  zu
reproduzieren. Ich  glaube, wir  haben damals  aus Versehen  ein
Fenster zur  Zukunft  geffnet, hnlich  wie  die Chemiker,  die
Mitte des 19. Jahrhunderts  Polymere herstellten. Der  Traum von
Parallelwesen die  neben  uns in  Computern  existieren ist  neu
erwacht, und  Bewutseinsforscher  und  Theologen  liefern  sich
deswegen schon mal  vorsorglich heftige  Schlachten. Wir  werden
sehen, was in der Zukunft geschieht. Es  wird noch lange dauern,
bis das erste  Freysche Tier wieder  erwacht, und die  Welt wird
gut darauf  vorbereitet  sein. Denn  die  Mglichkeit dafr  ist
erkannt,  und  eine  neue   Ethik  ist  bereits   am  entstehen.
                                                                
Ich selbst werde  hinter Frey  ins Vergessen  geraten, doch  das
macht mir nichts aus.  Denn ehrlich gesagt kommt  mir selbst die
ganze Sache  aus zunehmender  zeitlicher Distanz  mehr und  mehr
wie eine Science-Fiction-Geschichte vor.                        
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
                                                                
(c) 1994 by Gerhard Brandt                                      
(changes and further use reserved)                              
                                                                
