@C6
                             Die Computerfreaks
@C2
 Oft werden die Computerleute verkannt. Laien halten sie fr automatenhaft
 funktionierende unheimliche Kopfarbeiter, die keiner richtigen Gefhlsregung
 mehr fhig sind. Fachkollegen bezeichnen manche Mitbrder als Hacker, die
 mangels Kontaktfhigkeiten zu Menschen mit dem Sklaven Computer vorlieb
 nehmen - Tag und Nacht. 
 "Unermelich vielfltig sind die Arten der Erdenwesen. Daraus aber ragt der
 Mensch hervor, der die Sprache erfunden hat, die so vielfltig ist, da man
 keine zwei findet, welche ein und die selbe sprechen." Prof. Ungruen
 Hier soll von den liebenswrdigen Lebewesen berichtet werden, die sich
 "Computerfreaks" nennen, wie sie leben und welche eigenartigen Sitten und
 Gebruche sie haben.
 Wer von den Computerfreaks kein eigenes System laufen hat, wer nicht tief in
 der Hardware whlt, gilt bei ihnen wenig. Sie werden beherrscht von dem
 Gedanken, jedes technische Problem lsen zu knnen, und das mit Leichtigkeit
 und in kurzer Zeit. (Ein System ist alles, was keines hat, Hardware das, was
 beim Runterfallen klappert, und Software das, wovon man logisch erklren
 kann, warum es nicht funktioniert. Nicht zu verwechseln mit dem Problem,
 herauszufinden, warum man es nicht zum Funktionieren bringt. Diese Frage ist
 ungelst.)
 Sie sammeln (meist abgekupferte, ein Ausdruck, der hier nicht nher erlu-
 tert werden soll) Software, aber den meisten bedeutet die "hhere Software"
 eigentlich wenig. Ihre Domne sind die Bits und Bytes, die Controller und
 schnellen RAMs. In der Regel sind sie Einzelkmpfer, wiewohl sie auf eine
 gewisse geheimbndlerische Art zusammenhalten. (Bits und Bytes sind das, was
 zwischen Hard- und Software steht, Controller und RAMs unterscheiden sich
 nicht; schwarze Kfer mit einer Anzahl in Doppelreihe angeordneter Drahtf-
 chen.)
@C6
                                So leben sie
@C2
 Manchmal hegen sie puritanische Neigungen, zum Beispiel hinsichtlich hchst
 qualitativer Disketten, deren Label (Etikett) sie, wenn berhaupt, nur zart
 in jungfrulicher Bleistiftschrift entweihen. Disketten sind schwarze Schei-
 ben, auf denen angeblich etwas in magnetischer Schrift geschrieben ist, was
 aber unsichtbar und aus unbekannten Grnden auch mit dem Computer nicht zu
 lesen ist. Wenn man sie knickt, auf Magnete oder in die Sonne legt, wird man
 ohne Kommentar umgebracht.
 Die Beziehung der Computerfreaks zum anderen Geschlecht wirft einige Fragen
 auf. Vergleichbares gibt es hchstens bei HiFi-Enthusiasten, die um grere
 Boxen kmpfen und das Recht, sie nicht hinter dem Vorhang verstecken zu
 mssen. Doch es ist anders. Sie breiten ungehindert ihre Platinen und ICs in
 der Wohnung aus, wei der Teufel, warum Eva das zult. Verstehen tut sie
 nichts davon - vielleicht aber gerade deshalb. Frauen versuchen nur das zu
 verhindern, was sie verstehen. Jedenfalls sind Leute, die solche Annoncen
 aufgeben: "Wegen Heirat Computer zu verkaufen", keine ganzen Mnner.
 Wenn Computerfreaks zusammenkommen, dann nicht ohne meterlange, gefaltete
 Listings. (Das sind Papierfahnen, die von einem ratternden Drucker oder von
 einer elektronischen Schreibmaschine ausgespien werden. Das ist brigens der
 Grund, warum der Rest der Familie nachts nicht schlafen kann und diese
 dunklen Ringe unter den Augen hat.) Meistens bringen sie irgendwelche Plati-
 nen mit und diskutieren ber Schaltkreise und Packungsdichte. Das ist sehr
 wesentlich, weil der Computer daraus besteht. Dabei wechseln innerhalb der
 Clubs oder Stammtische die Standards - frher fachsimpelte man ber Kasset-
 teninterfaces (die so schrill zirpen wie eine Grille, die die Schallmauer
 durchbricht), dann ber kleine, spter ber groe Diskettenlaufwerke.
@C6
                             Das treibt sie an 
@C2
 Typischerweise werden groe Projekte ins Auge gefat, die nie realisiert
 werden. Dennoch gibt es einen eindeutigen und berraschenden Fortschritt,
 denn diese Projekte bauen ja auf den frheren Projekten auf. Man kann das
 nicht verstehen, wenn man nicht einsieht, da in der Computerei vor allem
 der abstrakte Entwurf zhlt. Die Philosophie der Computerfreaks ist in
 gewisser Weise durch Prof. Ungruens Satz zu charakterisieren: "Nichts ist
 langweiliger als ein Programm, das endlich fehlerfrei luft." Das mu wohl
 auch auf die Hardware zutreffen. Sie haben ein sehr groes Talent, diesen
 traurigen Zustand nie eintreten zu lassen, aber sie glauben, da sie perma-
 nent mit aller Kraft versuchen, diese Situation zu berwinden.
 Sie unterhalten sich in einer Weise, da ein gewhnlicher Sterblicher bei
 jedem zweiten Wort nicht wei, wo er nachschlagen knnte - es ist auch nicht
 sicher, da sie sich gegenseitig verstehen. Wenn sich drei unterhalten, kann
 mindestens einer nicht ganz folgen, weil er sich mit einem anderem Spezial
 gebiet befat. Fr den unbeteiligten Laien stellen sich dann mitunter solche
 Fragen, ob Computerfreaks die "Bustreiber" im Straenverkehr einsetzen, oder
 ob auf der "Europakarte" auch Gebirge und Flsse eingezeichnet sind. 
 Mit groer Leidenschaft diskutieren sie ber Programmiersprachen, deren
 Compiler sie sammeln (und auswendig wissen, wie schnell dieselben berset-
 zen), aber man kann davon ausgehen, da sie keine einzige all dieser Spra-
 chen wirklich beherrschen (wenn doch, handelt es sich gewi um BASIC oder
 FORTRAN), ausgenommen natrlich die Assemblersprache ihres Prozessors. Sie
 gruppieren sich immer um Prozessoren.  (So viele Begriffe - also, Compiler
 sind Programme, die Programmiersprachen in andere Programmiersprachen ber
 setzen, was ungeheuer ntzlich ist, vor allem, weil man ja auch die Compiler
 in irgend einer Sprache schreiben mu - aber das ist vielleicht zu hoch. Mit
 Assemblern (die auch bersetzen) macht man Programme fr den Menschen unle-
 serlich, woraus die Computerfreaks eine ausgedehnte Freizeitbeschftigung
 schpfen. Sie versuchen vor allem die Programme aus der Maschinensprache
 wieder rckzubersetzen, um bequemer zu sehen, wie miserabel sie geschrieben
 sind und sie anschlieend grundlegend zu verbessern (manchmal tun sie das
 auch, ohne die Programme rckzubersetzen, sie denken also direkt in der
 Logik der Maschine, was groe Askese erfordert, von ihnen aber lustvoll
 erlebt wird). Prozessor ist, was eigentlich die ganze Arbeit macht, falls
 der Computer dochmal funktionieren sollte).
@C6
                           Das sind ihre Sprachen
@C2
 Bei den Programmiersprachen gibt es Modestrmungen, die ungefhr mit den
 Jahreszeiten wechseln. Man bevorzugt Esoterisches wie "C" oder "LISP" bzw.
 Handfestes (FORTRAN, COBOL). Und natrlich PASCAL - denn wie sonst soll sich
 der kultivierte Computerfreak von der Masse derer abheben, die mit viel Mhe
 gerade mal eine FOR-NEXT-Schleife ohne Verschachtelungskollision zustande
 bringen. Aber eigentlich gibt es fr jede Sprache jemanden, der alles brige
 als Quatsch abtut. Was sich zu gemein und wichtig macht, wie ADA - also: Es
 wird allgemein viel zu wenig verstanden.
 Bisweilen kommt es vor, da sie ber geheimnisvolle Dinge in Gelchter
 ausbrechen (nicht mitzulachen ist ein Zeichen mangelnder Intelligenz), zum
 Beispiel ber einige Assembler-Statements oder die Schaltung eines Datense-
 perators. Ihre Zunft scheint eine neue Art Komik zu kreieren, so ist ihr
 Gebiet alles andere als trocken, es lebt. Software und Systeme, die nicht
 laufen wollen, sind eine spannendere Herausforderung als jedes andere Aben-
 teuer.
@C6
                         Ordnung: Chaos mit System
@C2
 Hufig haben sie auch sonst einen ausgefallenen, gehobenen Geschmack, was
 Kunst, Musik, Literatur betrifft, eine Neigung zum Surrealismus oder Kubis-
 mus (vor allem bei den Gehusen) ist nicht selten: Auffllig ist die in
 hherem Sinne bestehende hnlichkeit ihrer Wohnungen und Zimmer. Diese sind
 niemals unpersnlich wie vielleicht bei Technokraten oder bei Angestellten.
 Manche sammeln Antiquitten, zum Beispiel alte Rechen- oder Schreibmaschi-
 nen. Natrlich herrscht im engeren Aufenthaltsbereich die Technik vor: Man
 sieht in jedem Fall einen oder mehrere Bildschirme (meistens alte Fernse-
 her), diverse Tastaturen, vorzugsweise stecken irgendwo Platinen.  Die
 Regale an den Wnden reichen grundstzlich nicht aus, um die Ordner mit
 Disketten, Kassetten und Handbchern zu fassen; auf dem Tisch, am Boden
 sieht man weitere Stapel, dazu Platinen, hufig offenbar nur teilweise
 besetzt, Vorrte an Draht und Papier, Ltkolben, Oszilloskope und, daran
 kann man sie eindeutig von den Radiobastlern und Amateurfunkern unterschei-
 den: Drucker. Irgendwelche geffneten, demontierten oder im Aufbau (oder in
 beiden Stadien gleichzeitig) befindlichen Gerte stehen herum. In extremen
 Fllen gleicht das Gelnde einem Truppenbungsplatz im Endstadium. Es trmen
 sich mehrere Monatsschichten Zeitschriften, Bcher, Schraubenzieher, Unter-
 hosen, Bohrmaschinen, Feilen, Gehusebauteile, Leporellopapier und Megerte
 zu einem Dschungel, in dem stndig etwas gesucht wird (vorzugsweise banales
 Werkzeug wie Schraubenzieher, dessen Verlust die Arbeit stundenlang aufhlt).
@C6
                              Das ist ihr Ziel
@C2
 Es ist fr den Unverstndigen schwer zu begreifen, woran sie eigentlich
 arbeiten. Befragt man sie, so erhlt man brigens detaillierte und geduldige
 Auskunft darber, da sie an etwas arbeiten, was die unabdingbare Vorausset-
 zung fr ein anderes Vorhaben ist, das vielleicht seinerseits nur Mittel (zu
 welchem?) Zweck ist.
 Nie findet man sie mit etwas Endgltigem beschftigt, ja es scheint die
 Essenz ihres ganzen Strebens zu sein, da sich alles im Flu befindet.
 Vielleicht hat ihr Hobby eigentlich keinen Zweck und ist somit das edelste
 berhaupt; sie arbeiten unermdlich fr etwas, das sie nie erreichen, dem
 sie nicht einmal nahe kommen, ein Zustand endloser Glckseligkeit !
 Ihr Wissen ist immens, sie beherrschen unzhlige Kniffe, deren Sinn einem
 Uneingeweihten verschlossen bleibt, vor allem aber ndern und verbessern sie
 Betriebssysteme und Gerte. (Betriebssyteme sind das, worber sich Laien am
 Computer am meisten rgern, weil es sie hindert, zu erreichen, was sie
 eigentlich wollten, als sie sich an die Tastatur setzten.) Stndig kmpfen
 sie gegen die mangelnde Perfektion, die sie doch nie erreichen. Scheinbare
 Perfektion vertuscht den Umstand, da alles in der Computerwelt unvollkomme-
 nes Menschenwerk ist. Die Unzuverlssigkeit und Unfreundlichkeit von Syste-
 men ist indes schier unfabar. Es ist berhaupt kein Problem, in einer
 Zehntelsekunde durch einen unbedachten Tastendruck das Werk von Stunden,
 Tagen oder gar Monaten zunichte zu machen.
@C6
                      Das Eheleben der Computerfreaks
@C2
 In alle Projekte der Computerfreaks wird die Ehefrau immer mit einbezogen.
 Dabei ist das erste Problem der Kampf um den Standort des Computers. "Nur
 ein kleines Eckchen" gehrt zum anfnglichen Standardvokabular der berzeu-
 gungsttigkeit. (Die Frau hat noch keine Ahnung, was da auf sie zukommt.)
 Das zweite Problem der berzeugungsarbeit ist das Suchen nach Argumenten
 sinnvoller Anwendungen im Heim und Garten, um so die notwendigen Mittel aus
 dem Haushaltsplan freizubekommen und zu begrnden. Dabei wird die Erfin-
 dungsgabe und der Phantasiereichtum der Computerfreaks stark beansprucht.
 Drittens sind die zeitlichen Bilanzanteile zu sichern und im Familienleben
 auszuplanen.
 Der Computerfreak ist stndig bemht, die Ehefrau an seinem Glck teilhaben
 zu lassen. Kaum klappt etwas oder nicht, wird etwas Neues geschrieben und es
 luft erwartungsgem oder erwartungsgem nicht, wird sie vom Kochtopf
 gezerrt, mu Putzeimer und Wischlappen fallen lassen, wird aus dem Bett
 geworfen, mu ihre Lektre zur Seite legen, kurz: Zu jeder passenden und
 unpassenden Gelegenheit wird sie vor das Ding  geschleppt. Aber damit nicht
 genug. Sie mu auch noch "sachkundig" ihre Meinung dazu uern. Tut sie das
 nicht, oder kommt sie gar mit der "Ausrede", das wren alles bhmische
 Drfer und das verstehe sie nicht, wird ihr lang und ausfhrlich erklrt,
 was gerade luft, warum es luft, welche Verknpfungen und Sprnge, welche
 Adressen und Programme dazu notwendig waren. Aber sie begreift natrlich
 nichts. Das einzige, was sie wahrnimmt, sind irgendwelche Hieroglyphen, die
 auf dem Bildschirm rumflitzen. Auf die Frage: "Hast Du es verstanden?" nickt
 sie ergeben. (Blo nicht den Kopf schtteln, sonst geht das ganze von vorne
 los und meist nochmehr ins Detail.)
 Die grberen Hardware-Arbeiten werden in der Kche durchgefhrt. Da ist so
 richtig Platz fr die Fachunterlagen, Schaltplne, Ltkolben und Ltzinn.
 Zum Essen schiebt man seinen ganzen Kram mit beiden Hnden sanft und vor
 sichtig nach hinten, zur Seite oder sonstwohin, damit man gerade ein kleines
 Pltzchen fr den Teller hat.
 Im brigen geht bei solchen schnden Manahmen wie Essen und Schlafen wert
 volle Rechenzeit verloren, so da diese Dinge auf das absolute Mindestma
 reduziert werden mssen.

@C8
 (nach MC-Sonderheft "Dein Weg zum Computer" Franzis-Verlag 1982)

